„Lage gestaltet sich komplizierter“

China erhöht Ausfuhr seltener Erden – beschränkt jedoch Lieferungen für militärische Zwecke

  • Lars-Eric Nievelstein
    VonLars-Eric Nievelstein
    schließen

China dominiert einen Großteil der seltenen Erden. Für den Westen bedeutet das ein Problem. Bei bestimmten Rohstoffen nahmen die Ausfuhren dennoch zu.

Peking – Seit mehreren Monaten zieht China bei der Ausfuhr seltener Rohstoffe die Schlinge für den Westen enger. Sie heißen Antimon, Wolfram, Terbium oder Dysprosium, und ohne sie geraten Mammut-Projekte wie die Energiewende oder die Aufrüstung Deutschlands unter hohen Druck. Bei zwei bestimmten Rohstoffen hat China den Druck zuletzt gelockert. Was steckt dahinter?

China führt wieder mehr seltene Erden aus – aber dafür an weniger Länder

Zuletzt hat China wieder mehr Dysprosium und Terbium ausgeliefert. Im Juli exportierte das Land rund 1400 Kilogramm Dysprosium nach Südkorea, hinzu kamen 7000 Kilogramm Terbium, die es jeweils zur Hälfte nach Südkorea und Japan lieferte. Das teilte das Rohstoffunternehmen TRADIUM unter Berufung auf chinesische Zollinformationen mit. Noch einen Monat vorher hatten die Exporte deutlich schwächer ausgesehen: Ein Kilogramm Dysprosium und rund 1200 Kilogramm Terbium hatten China verlassen.

Xi Jinping in Peking (Symbolfoto). China kontrolliert einen Großteil der seltenen Erden. Für den Westen ist das ein Problem. Bei bestimmten Rohstoffen stiegen die Ausfuhren jedoch.

Die Ausfuhren blieben trotz des leichten Anstiegs hinter dem Vorjahresniveau zurück. Eine kuriose Entwicklung dabei: Während zwar die Menge der Auslieferung etwas wuchs, schrumpfte der Kreis der Länder, der sie erhielt.

„Es dauert mindestens zwei bis drei Monate, bis sich die Ausfuhren zu normalisieren beginnen. Bei Terbium ist das inzwischen zu beobachten. Diese schwere Seltene Erde hat neben dem Einsatz in Magneten auch zivile und damit aus Sicht Pekings unkritische Anwendungen, sodass entsprechende Anträge offenbar genehmigt wurden“, erklärte Jan Giese dazu, Senior Manager Minor Metals and Rare Earths bei TRADIUM.

„Lage komplizierter“ – bei bestimmten Rohstoffen steigen die Ausfuhren

Bei Dysprosium ist das anders, belegen die Handelsdaten. Zivile Einsatzmöglichkeiten gibt es abseits der Magnetproduktion nicht wirklich, weswegen China seinen Griff fest um die Ausfuhren dieses Rohstoffs geschlossen hält. Bei den Magneten gibt sich China etwas freigiebiger mit Exporten – deren Verwendung sei auf bestimmte Anwendungen festgelegt. „Bei Oxiden wie Dysprosium gestaltet sich die Lage komplizierter“, sagt Giese dazu. Nach weiteren Verarbeitungsschritten könnten diese nämlich auch in militärisch relevanten Bereichen zum Einsatz kommen.

Beide Rohstoffe – Dysprosium und Terbium – sind unverzichtbar für bestimmte Hightech-Anwendungen. Sie kommen zum Beispiel in der Halbleiterproduktion oder in der Chemie zum Einsatz. TRADIUM zufolge ist ihr wichtigster Einsatzort der Neodym-Eisen-Bor-Magnet – der wiederum in Windkraftanlagen und Elektromotoren vorkommt. Zwischen Juni und Juli stiegen die Exporte solcher Magneten aus China um 75 Prozent, wobei Deutschland mit 116 Tonnen der größte Abnehmer war.

Die Zahlen zeigen, dass die Auslieferungen von Dysprosium noch im Januar auf einem Höchststand lagen. China hatte mehr als 20.000 Kilogramm exportiert. Über die nächsten Monate gingen die Exporte jedoch drastisch zurück. Die Terbium-Ausfuhren brachen im Januar und Februar ebenfalls ein, konnten sich dann im März etwas erholen, ehe sie noch deutlicher zurückgingen.

Monopol bei seltenen Erden – so behindert China die Verteidigungsindustrie

China nutzt dabei einen erheblichen Vorteil aus. Sowohl bei der Gewinnung als auch bei der Verarbeitung von seltenen Erden ist das Land dermaßen im Vorteil, dass es sich nahezu ein Monopol aufbauen konnte. Bei der Verarbeitung kontrolliert Peking rund 90 Prozent der globalen Kapazitäten.

Problematisch ist das vor allem darum, weil China schon vor vielen Jahren die Bereitschaft gezeigt hat, diese Kontrolle als Waffe einzusetzen. Bei einem Fischereidisput mit Japan in den frühen Zehnerjahren hatte es kurzerhand die Ausfuhr seltener Erden gestrichen. Länder, die sich eigene Kapazitäten aufbauen wollen, stoßen auf das Problem, dass China 2023 die Auslieferung von Technologie und Knowhow gestoppt hat. Laut dem Center vor Strategic and International Studies (CSIS) fehlt es dem Westen an Kapazitäten bei der Entwicklung und Forschung zu diesen Verarbeitungsanlagen.

Seitdem US-Präsident Joe Biden damit begonnen hatte, seinerseits die Ausfuhr von wichtigen Elektronik-Bestandteilen an China zu limitieren, hatte das „Reich der Mitte“ immer weitere seltene Erden und andere kritische Rohstoffe zurückgehalten. Das CSIS sieht hier „erhebliche Risiken“ für die nationale Sicherheit der USA – Seltenerdelemente seien wichtige Bestandteile in einer Vielzahl von fortschrittlichen militärischen Anwendungen. Darunter befinden sich etwa F-35-Kampfjets, U-Boote, Radarsysteme oder Tomahawk-Raketen. Im Klartext behindert China damit also die Verteidigungsfähigkeiten des Westens.

Europa braucht seltene Erden – neue Gesetzgebung soll helfen

Die Europäische Union versucht nun, mittels Critical Raw Materials Act die eigenen Kapazitäten zu stärken. Konkret legt dieser fest, dass bis 2030 bestimmte Anteile des europäischen Bedarfs aus rein europäischen Kapazitäten gedeckt werden müssen. Das betrifft etwa die Eigenproduktion, Recycling oder Zukauf. Außerdem dürfen nicht mehr als 65 Prozent des Jahresbedarfs beim Verbrauch von einem einzelnen Drittland außerhalb der EU stammen.

Bis 2030 sieht die EU den sechsfachen Bedarf für Seltenerdmetalle voraus. Bis 2050 soll sich der Bedarf für Lithium verzwanzigfachen. Aktuell versucht die EU, Unternehmen zu fördern, die eine eigene Produktion, Recycling oder Verarbeitung von seltenen Erden innerhalb der EU-Grenzen aufbauen wollen. Ein Beispiel dafür ist das Minenunternehmen Norge Mining, das in Norwegen Phosphatgestein abbaut.

Rubriklistenbild: © IMAGO / SNA