„Praktisch unmöglich“

Mangel an seltenen Erden – Westliche Unternehmen in Chinas Falle

  • Lars-Eric Nievelstein
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China kontrolliert die Ausfuhr mehrerer wichtiger Rohstoffe. Der Westen entwickelt Gegenstrategien. Peking aber hält an diesem Machtinstrument fest.

Peking – Elektroautos, Windkraft, Anwendungen in der Medizin: Ohne seltene Erden sind viele Zukunftstechnologien kaum denkbar. Am meisten profitiert davon China. Das Land verfügt über erhebliche Ressourcen und nutzt diese, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Die jüngsten Ausfuhrbeschränkungen haben den Westen in eine Zwickmühle gedrängt und zu neuen Strategien geführt. Chinas Präsident Xi Jinping sieht das nicht gern.

Seltene Erden und Pekings Warnung – China will Waffe behalten

China will bei seltenen Erden die Vorherrschaft behalten. Offenbar hat das Land gegenüber ausländischen Unternehmen, die seltene Erden einkaufen, eine Warnung ausgesprochen. Aktuell sorgen verschiedene Ausfuhrbeschränkungen für diese kritischen Rohstoffe aus China dazu, dass ausländische Akteure ängstlich reagieren und mit Zukäufen den Bedarf antreiben. Wie die Financial Times berichtete, richtete sich die Warnung speziell an Käufer, die seltene Erden und daraus gefertigte Produkte horten.

Engpass bei seltenen Erden – West-Unternehmen in Chinas Falle

China „teilt diesen Unternehmen mit, dass sie keine gigantischen Inventare an seltenen Erden aufbauen können, sonst werden sie Engpässen gegenüberstehen“, zitierte die Financial Times mit der Sache vertraute Personen. Die chinesische Regierung sei dabei, aktiv die genehmigten Exportvolumen zu beschränken, um zu verhindern, dass ausländische Firmen Vorräte anlegen. „Dies wird von nun an ein neuer Hebel sein“, erklärte eine der nicht namentlich genannten Personen.

China blockiert seltene Erden – Konflikt mit den USA steht dahinter

Das grundlegende Problem dahinter ist der aktuelle Handelskrieg zwischen den USA und China. China benutzt sein enormes Monopol bei kritischen Rohstoffen und seltenen Erden, um die USA zu Zugeständnissen zu bringen. Dabei zielt es unter anderem auf die Handelsbeschränkungen, die die USA wiederum auf wichtige Hardware wie etwa Computerchips gelegt haben.

Bei seltenen Erden kommt kaum ein Land der Welt mit China mit. Nicht nur verfügt das „Reich der Mitte“ über mehr als 60 Prozent der Vorkommen dieser wichtigen Rohstoffe. Bei der Produktion und Verarbeitung kontrolliert es mehr als 90 Prozent der Kapazitäten. Auch Länder, die sich in Sachen Abbau nicht vor dem Land verstecken müssten, müssen ihre Ressourcen nach China liefern, um sie verarbeiten zu lassen.

Kurz gesagt: China hat mit den Handelsbeschränkungen auf seltene Erden die Kontrolle über eine aktuell überlebenswichtige Industrie waffenfähig gemacht. Die betroffenen Rohstoffe sind ausgerechnet für Zukunftstechnologien absolut notwendig, darunter etwa Elektroautos und Windkraftanlagen. Westliche Firmen, die es schaffen, Vorräte dieser seltenen Ressourcen anzulegen, könnten flexibler auf Engpässe und Preisschwankungen reagieren. Dass Peking genau dies nun verhindern will, zeige eine Entschlossenheit der chinesischen Regierung, unbedingt am längeren Hebel bleiben zu wollen.

Rohstoff-Beschaffung „praktisch unmöglich“ über den Bedarf hinaus

In Deutschland sind die Auswirkungen von Chinas Politik längst zu spüren. „China reguliert die Ausfuhr von seltenen Erden schon seit längerem sehr streng“, erklärt Jan Giese, Senior Manager Minor Metals and Rare Earths beim Frankfurter Rohstoffunternehmen TRADIUM. Giese zufolge ist hier die sogenannte Abnahmebestätigung ein zentrales Kriterium. „Ohne einen solchen Nachweis und den damit verbundenen Verwendungszweck ist es praktisch unmöglich, über den eigentlichen Bedarf hinaus Rohstoffe zu beschaffen.“

Auch schaue China genau auf die Einkaufshistorie westlicher Unternehmen. Diejenigen Firmen, die in der Vergangenheit stetig bestimmte Mengen bezogen haben, erhalten „eher“ eine Genehmigung. Dagegen prüfe China besonders scharf, wenn die Kaufhistorie einer Firma starke Abweichungen vom bisherigen Bedarf zeigt. Unter Umständen könnte das die Chancen auf eine Lizenz „deutlich“ verringern.

„Wir weisen deshalb schon seit längerem darauf hin, dass der Aufbau staatlicher oder unternehmenseigener Lagerbestände mit von China kontrolliertem Material kaum noch möglich ist“, erklärt Giese gegenüber IPPEN.MEDIA.

Seltene Erden aus Europa – neue Strategie soll Abhängigkeit zu China mindern

Darum ist Europa geradezu hektisch dabei, alternative Förderung und Raffinerie aufzubauen. 2024 trat der sogenannte Critical Raw Materials Act in Kraft, der festschreibt, dass bis 2030 bestimmte Anteile des europäischen Bedarfs aus eigener Herstellung, eigener Verarbeitung oder Recycling stammen müssen. Laut der BBC spielen hier Estland und Frankreich eine besondere Rolle, denn hier stehen in der Tat Werke für die Verarbeitung seltener Erden.

Das Werk in Frankreich sei dabei das einzige außerhalb Chinas, das alle 17 verschiedenen seltenen Erden verarbeiten kann.

Aktuell aber liege der Fokus mehr darauf, seltene Erden, die sich schon innerhalb Europas befinden, zu recyclen. „Wir glauben, dass wir vermutlich 30 Prozent des Bedarfs an seltenen Erden in Europa allein durch Recycling von Motoren am Lebensende oder anderem Equipment decken können“, zitierte die BBC dazu Philippe Kehren, CEO der Chemiefirma Solvay aus Frankreich. Nebenher ist die Forschung um neue Technologien bemüht, um seltene Erden umweltfreundlicher zu verarbeiten – bisher ist dafür der Einsatz von schädlichen Chemikalien notwendig.

Rubriklistenbild: © IMAGO / AAP

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