Seltene Erden
Seltene Erden: Wie China Engpässe in der deutschen Industrie verursacht
- VonKatharina Bewsschließen
Seltene Erden sind für Deutschland unverzichtbar. Der Handelsstreit zwischen China und den USA führt jedoch weiterhin zu Lieferengpässen. Zahlreiche Branchen könnte das betreffen.
München – Eine Grundressource der deutschen Industrie leidet aktuell unter Engpässen – aufgrund der starken Abhängigkeit von China. Es geht um Seltene Erden, die für die Halbleiterproduktion unerlässlich sind und größtenteils aus China importiert werden. Im April kam es infolge von Exportbeschränkungen zu ersten Lieferausfällen. Der Handelskonflikt zwischen China und den USA wirkte sich damit auch auf die deutsche Industrie aus, deren Lagerbestände an Seltenen Erden nun zur Neige gehen.
Zwar wurden viele dieser Exportbeschränkungen inzwischen wieder gelockert, doch es kommt weiterhin zu Verzögerungen bei der Bearbeitung und Auslieferung. Sollte die Versorgung auch in den kommenden Wochen nicht stabilisiert werden, wären zahlreiche Industriezweige in Deutschland betroffen.
Deutsche Abhängigkeit: China hält Monopol bei Seltenen Erden
Für die deutsche Industrie sind Seltene Erden ein kostbares Gut: Die Gruppe umfasst 17 Elemente, darunter Neodym, Dysprosium und Europium, die für starke Magnete, Leuchtstoffe und Spezialkomponenten verwendet werden. Trotz ihres Namens sind sie nicht selten, aber schwer abzubauen und aufzubereiten. Sie werden nicht nur für die Produktion von Elektroautos benötigt, sondern auch für herkömmliche Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor – etwa in Katalysatoren, Sensoren und der Bordelektronik. Zudem sind sie entscheidend für eine nachhaltige Energieerzeugung, wie in der Photovoltaik und Windkraft. In der Medizintechnik, Lasertechnologie und anderen für die deutsche Industrie wichtigen Sektoren finden Seltene Erden ebenfalls Verwendung.
Anfang April setzte China im Zuge des eskalierenden Handelsstreits mit den USA den Export von sieben besonders wichtigen dieser Metalle aus. Von diesem Zeitpunkt an gab China auch nur noch ein absolutes Minimum an kritischen Lizenzen an europäische Firmen heraus, damit die Produktion nicht zum Erliegen kommt, wie eine anonyme Quelle gegenüber Reuters sagte. China kann dies tun, da es als weltweit größter Produzent und Weiterverarbeiter eine marktbeherrschende Stellung besitzt, die einem Monopol sehr nahekommt.
„Heutzutage werden die Metalle ausschließlich in China raffiniert, die Magnete werden zu 90 Prozent dort hergestellt. Deshalb kann China entscheiden, an welche Länder es seine Rohstoffe liefert oder eben auch nicht“, erklärt der Rohstoffexperte Stefan Steinicke vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer Pressemitteilung.
China und USA einigen sich auf Abkommen – Preis für Seltene Erden steigt
Die Exportbeschränkungen Chinas begannen Anfang April, zeitgleich mit Trumps „Liberation Day“, und konnten bereits im Mai weitgehend entschärft werden. Ein kürzlich abgeschlossenes Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern sichert zudem eine beschleunigte Lieferung von Seltenen Erden in die USA. Dennoch kommt es weiterhin zu Engpässen – auch in Deutschland.
Nils Poel, Leiter für Marktangelegenheiten beim Lieferantenverband CLEPA, berichtet laut Reuters, dass im chinesischen Handelsministerium noch Hunderte Genehmigungen auf ihre Bearbeitung warten. Obwohl die Genehmigungen inzwischen häufiger erteilt werden und die Ausgaberate von 25 auf 60 Prozent gestiegen ist, dauern die Verfahren bei Anträgen, deren Endkunden in den USA sitzen oder deren Waren über Länder wie Indien transportiert werden, weiterhin länger und erhalten meist keine Priorität, so Poel.
Auch auf die Preise hat sich das ausgewirkt: Laut Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) haben sich die Kosten für Dysprosium und Terbium mehr als verdoppelt, während die Preise für Yttrium sogar auf das Sechsfache angestiegen sind – dahingegen sind die Preise auf dem chinesischen Markt stabil geblieben.
Diese deutschen Unternehmen sind von den Engpässen aus China betroffen
Die Knappheit an Seltenen Erden hat bereits zu Produktionsstopps geführt, wie zuletzt im Mai beim US-amerikanischen Autobauer Ford. Geschäftsführer Jim Farley erklärte in einem Interview mit Bloomberg, dass ein Produktionsstandort wegen fehlender Rohstoffe vorübergehend schließen musste. Die deutschen Automobilhersteller scheinen davon jedoch bislang noch nicht betroffen zu sein. Sowohl Mercedes-Benz als auch Volkswagen bestätigten gegenüber Reuters, dass ihre Produktion stabil läuft.
Eine Studie der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) nennt zudem Unternehmen in Deutschland, die besonders von Engpässen betroffen sein könnten: darunter Hersteller von Katalysatoren wie BASF SE und Grace, Glasproduzenten wie Schott und die Bayerischen Glaswerke, Medizintechnikunternehmen wie Bayer AG sowie der Batteriezulieferer Varta Microbattery in Ellwangen. Produktionsstopps gibt es in diesen Bereichen bisher jedoch noch nicht.
Neben klassischen Industriezweigen wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und dem Energiesektor ist auch die Verteidigungsbranche in Deutschland betroffen. Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung nennt insbesondere Rheinmetall als möglichen Hauptbetroffenen. Im Gespräch mit der Zeitung warnt auch Rohstoffmarktanalyst Andreas Kroll: „Es kann nicht sein, dass wir das Feld komplett den Chinesen überlassen“, sagt Kroll. „Es ist ein riesiges Sicherheitsproblem, wenn wir keine Waffen mehr bauen können, keine Kampfflugzeuge, nicht mal Drohnen.“
Laut Experten: Wie Deutschland die Unabhängigkeit von China schafft
In der BDI-Pressemitteilung fordert Rohstoffexperte Steinicke mehr Unabhängigkeit Deutschlands bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen. Dabei sei es notwendig, dass der Staat aktiv mitwirkt, da die Lieferketten sehr kostspielig sind. Zudem müssen mehr Weiterverarbeitungsanlagen geschaffen werden, die mit besseren Standortbedingungen einhergehen – etwa günstigerem Strom und schnelleren Genehmigungsverfahren. Denn China hält rund 90 Prozent dieser Anlagen, und das nicht ohne Grund: Die Verarbeitung ist oft komplex und mit extremen chemischen Einflüssen auf die Umwelt verbunden. Insgesamt müsse zudem verstärkt in die Magnetproduktion investiert werden, so Steinicke.
Die EU hat bereits erste Maßnahmen ergriffen, um ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen zu verringern. Der „Critical Raw Materials Act“ zielt darauf ab, bis 2030 rund 10 Prozent des Bedarfs an Seltenen Erden innerhalb der EU selbst abzubauen, 40 Prozent der Verarbeitungskapazitäten bereitzustellen und 25 Prozent des Materials zu recyceln. Doch diese Ziele lassen sich nur langfristig erreichen. Bisher bleibt nur zu hoffen, dass China bei den Genehmigungen schneller reagiert – denn eine wirkliche Alternative hat Deutschland derzeit nicht.
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