„Weckruf“ für Indien
Gefährliche Konkurrenz bei Seltenen Erden: Indien könnte es mit China aufnehmen
VonLars-Eric Nievelsteinschließen
China liefert den Großteil seltener Erden weltweit. Indien plant, seine Produktion zu intensivieren. Ein neuer Lieferant für Deutschland?
Neu-Delhi – Immer mehr Staaten suchen eine Lösung für die Knappheit bei sogenannten seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen. Viele sind dabei fast vollständig von China abhängig, da das Land auf gewaltigen Vorkommen sitzt. Weil es diese aber teils als wirtschaftliche Waffe einsetzt, begann schon vor einer Weile das große Umdenken. Wenn alles nach Plan läuft, könnte Deutschland diese wichtigen Ressourcen künftig aus Indien beziehen.
Indien will seltene Erden fördern – Staatskonzern könnte besondere Rolle erhalten
Tatsächlich könnte sich Indien als Alternative zu China herausstellen, was die Lieferungen von seltenen Erden und anderen wichtigen Rohstoffen angeht. Genau wie andere Staaten hat Indien größere Probleme mit den chinesischen Exportbeschränkungen. Jetzt plant das Land, seine eigenen Vorräte anzuzapfen und die Produktion auszubauen. Experten zufolge könnte Indien hier China als Hauptversorger ablösen – allerdings brauche es dazu wesentlich mehr privates und öffentliches Investment.
Konkret untersuchen indische Offizielle bereits, wie der Staat die staatliche Firma Indian Rare Earths (IREL) dazu einsetzen könnte, die Produktion von Seltenerdelementen zu fördern. Das sollen mit der Sache vertraute Quellen dem US-Nachrichtensender CNBC-TV18 mitgeteilt haben. Diese Nachricht kommt nur Tage, nachdem Indiens Handels- und Industrieminister Piyush Goyal von einem „Weckruf“ sprach, weil China die Ausfuhr wichtiger Rohstoffe limitiert hatte.
„Signifikante“ Vorkommen in Indien – seltene Erden im Sand versteckt
Dieser Weckruf sei eine Gelegenheit für Indien, die Alternative zu liefern – und die Partnerschaft zu den USA zu vertiefen. Wichtig dabei: Seltene Erden sind nicht wirklich selten in der Natur, allerdings sind sie vielfach an andere Mineralien gebunden, was eine meist chemische Bearbeitung erfordert, um sie davon zu trennen. Zwar verfügt Indien über kleinere Reservoirs als China, aber die US Geological Survey geht von 6,9 Millionen Tonnen aus.
Global wären das die drittgrößten Reserven. Außerdem verfüge Indien über 35 Prozent der weltweiten Depositen an Strand- und Sandmineralien. Diese stellen laut der Wirtschaftsforschungsagentur EY eine wichtige Quelle für seltene Erden dar. In einer Analyse legte EY offen, dass Indien über „signifikante“ Vorkommen an seltenen Erden verfüge, die in verschiedenen Sanden verborgen lägen.
Diese Sandvorkommen beinhalten Monazit, das wiederum aus wichtigen Elementen wie Thorium oder verschiedenen seltenen Erden besteht. Darunter befinden sich auch Neodym und Terbium. Thorium sorgt dabei für ein Problem: Das Element ist radioaktiv; die indische Regierung hat daher die Exporte und die private Beteiligung eingeschränkt. Das Center for Strategic & International Studies (CSIS) berichtete, dass die indische Regierung derzeit nach Wegen sucht, um diesen Vorgang umzukehren.
China-Dominanz bei seltenen Erden – Indien will sich davon lösen
Notwendig wird all das wegen der enormen chinesischen Dominanz auf dem Feld der seltenen Erden. China fördert etwa 60 Prozent des globalen Vorrats an seltenen Erden, bei der Raffinierung besitzt China gar 90 Prozent der Kapazitäten. Andere Länder kommen da schlichtweg nicht mit. Ein Problem wäre das nicht, wenn das „Reich der Mitte“ normalen Handel treiben würde, aber stattdessen setzte es seinen enormen Ressourcenreichtum schon zu Beginn der Zehnerjahre als Waffe ein.
Genau diese Entwicklung ist derzeit zu beobachten. Im April beschränkte China die Ausfuhr verschiedener wichtiger Rohstoffe und knüpfte die Ausfuhr an die Bedingung, dass Käufer sich aktiv bei China bewerben müssten. Im Juni kam dann heraus, dass das Außenministerium versucht, über diesen Bewerbungsprozess an sensible Daten der Interessenten zu gelangen.
Die Exportbeschränkungen sorgten in verschiedenen Branchen für Chaos und Versorgungsengpässe. Besonders waren davon die Autohersteller betroffen, und vor allem deren Zulieferer. Zwischenzeitig warnten diese gar davor, dass sie die Produktion drosseln müssten.
Rohstoff-Schatz als Waffe – neue Strategie soll Indien bei seltenen Erden voranbringen
Was Russland vor mehreren Jahren mit Gas- und Ölexporten versuchte, könnte China auch mit den seltenen Erden tun – das zumindest ist eine der größeren Sorgen am Markt für seltene Erden. Vereinfacht gesagt, könnte Peking den Export in Länder einfach stoppen, um diese zum Beispiel dazu zu bringen, politische Entscheidungen in Chinas Sinne zu fällen. Unternehmen wie Military Metals und Norge Mining versuchen, eine eigene Produktion aufzubauen. So soll der Zugang westlicher Industriestaaten zu wichtigen Rohstoffen nach und nach erleichtert werden.
Weil Europa die Gefahren der Abhängigkeit längst erkannt hat, besteht auf EU-Ebene der sogenannte „Critical Raw Materials Act“. Dieser soll verhindern, dass Europa bei der Beschaffung von kritischen Rohstoffen (zu denen auch seltene Erden gehören) Mindestanteile heimischer Rohstoffe gebraucht. Das gilt sowohl für den Einkauf und das Recycling, als auch für den Abbau.
Wie geht es weiter? Mittels der sogenannten „National Critical Mineral Mission“ (NCMN) will Indien einen „effektiven Rahmen“ dafür schaffen, im Sektor kritische Rohstoffe unabhängig zu werden. Diese Strategie hat das Land allerdings erst 2025 gestartet – die Ergebnisse dürften daher noch eine Weile auf sich warten lassen.
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