„Guter Schritt“ für Merz
Neue Strategie gegen China – Wie Kanada Mangel an seltenen Erden verhindern will
VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Europa benötigt auch künftig seltene Erden. China beherrscht diesen Markt fast vollständig – und nutzt das aus. Kanada könnte Abhilfe schaffen.
Berlin/Calgary – Chaos um die seltenen Erden: Seitdem China die Ausfuhr von wichtigen Rohstoffen wie Terbium, Scandium und Dysprosium beschränkt hat, drohen im Westen kritische Engpässe. Bei deutschen Autozulieferern standen kurzzeitig gar Produktionsstopps zur Debatte. Rund um den Globus versuchen Länder, den gewaltigen Vorsprung aufzuholen, den China hat. Wenn es wollte, könnte das Land westliche Industrienationen von wichtigen Rohstoffen abschneiden. Um dem entgegenzuwirken, wollen Deutschland und Kanada beim Abbau wichtiger Rohstoffe enger zusammenarbeiten.
„Volkswirtschaften stärken“ – Kanada und Deutschland arbeiten bei seltenen Erden zusammen
Konkret geht es um Rohstoffe, die für die Herstellung von kritischer Technologie (darunter Batterien, Elektromotoren und Windkraftanlagen) gebraucht werden. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und der kanadische Energieminister Tim Hodgson haben dazu in Berlin eine gemeinsame Absichtserklärung unterschrieben.
Für Firmen in beiden Ländern seien stabile und verlässliche Lieferketten unabdingbar. Reiche sprach hier von einem Signal für Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Deutsche Unternehmen würden bereits bei der Rohstoffgewinnung mit kanadischen Partnern zusammenarbeiten. „Diese Kooperation wollen wir weiter ausbauen“, zitierte die Deutsche Presse-Agentur die Ministerin.
Im Vorfeld hatten sowohl Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) als auch der kanadische Premier Mark Carney die Vereinbarung angekündigt. Merz zufolge ist dies ein „guter Schritt, um unsere Volkswirtschaften zu stärken“. Carney wiederum verwies auf Kanadas Reichtum hinsichtlich der Bodenschätze und sprach dabei von Lithium und seltenen Erden.
Seltene Erden in Kanada – so baut das Land ab
Ein kurzer Exkurs nach Kanada: Was für Rohstoffe liegen dort überhaupt begraben? Die kanadische Regierung gibt hierbei an, über eine der größten Reserven seltener Erden weltweit zu besitzen. Im Jahr 2023 hätte sich die Menge der Seltenerdoxide auf über 15,2 Millionen Tonnen belaufen. Der Saskatchewan Research Council (SRC) in Saskatoon habe die erste Raffinerie für seltene Erden Nordamerikas installiert und im Dezember 2024 rund 40 Tonnen hochreines Neodym-Praseodym-Metall hergestellt. Das berichtete das Center for Strategic & International Studies (CSIS).
Daneben verarbeiten Werke in Kanada auch Scandium und Uran. Zwölf weitere Projekte sollen sich gerade in der Erkundungsphase befinden. Das CSIS gab an, Kanada sei womöglich der beste Partner, um auch die Versorgung der USA zu gewährleisten – hätte US-Präsident Donald Trump das Land nicht wiederholt vor den Kopf gestoßen. Nach Amtsantritt sprach er von Kanada als einem neuen US-Bundesstaat und ignorierte wichtige Handelsabkommen, um das Land mit Strafzöllen zu belegen. Dafür schließt sich Kanada nun mit Deutschland zusammen.
China-Monopol bei seltenen Erden – Westen versucht aufzuholen
Das Rennen um die kritischen Rohstoffe ist in eine neue Runde gegangen, seitdem China mehrere wichtige seltene Erden mit Exportrestriktionen belegt hat. Westliche Unternehmen, die seltene Erden oder aus seltenen Erden gefertigte Magnete kaufen wollen, müssen sich an strenge Auflagen halten und unter anderem offenlegen, was sie mit diesen Elementen vorhaben. China will verhindern, dass diese zum Beispiel in westlicher Waffentechnik vorkommen.
Dabei gibt es zwei gravierende Probleme: Erstens kommen seltene Erden in einer gewaltigen Masse moderner Technik vor und zweitens hat China ein Nahezu-Monopol bei der Raffinierung dieser Rohstoffe. Windkraftanlagen, Computerchips, Elektromotoren, Außenhüllen von Satelliten und Panzern – überall kommen kleinere oder größere Mengen an seltenen Erden vor.
Die Kanada-Kooperation der Bundesregierung wird nur etwas daran ändern, wenn der Westen hier bei der wichtigen Verarbeitung aufholt. Die Produktion ist eine Sache, aber bei den Verarbeitungskapazitäten hat China über 90 Prozent unter seiner Kontrolle. Auch Länder, die vergleichsweise viele seltene Erden abbauen, müssen diese zunächst nach China schicken, damit sie nutzbar werden. Aktuell gilt Frankreich hier als Hoffnungsträger. Der Westen befindet sich jedoch gerade erst im Aufbau.
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