Gewerkschaft fordert Reform

Paketboten am Limit: Schlechte Arbeitsbedingungen und hohe Krankenstände prägen die Branche

Körperliche Schwerstarbeit prägt den Alltag von Paketboten. Eine aktuelle Studie offenbart erschreckende Zustände in der deutschen Paketbranche.

Berlin – Die Paketbranche boomt in Zeiten des Online-Handels wie nie zuvor, doch hinter den Kulissen herrschen offenbar prekäre Verhältnisse. Eine umfassende Untersuchung der Gewerkschaft Verdi und des Forschungsunternehmens Input Consulting, für die 3000 Beschäftigte befragt wurden, zeichnet ein besorgniserregendes Bild der Arbeitsbedingungen in der Branche.

Paketzusteller gehen täglich über ihre Belastungsgrenze hinaus.

Der Gute-Arbeit-Index des Deutschen Gewerkschaftsbundes liegt für die Kurier-, Express- und Paketbranche bei lediglich 40 von 100 möglichen Punkten – ein deutlicher Abstand zum Durchschnittswert der Gesamtwirtschaft von 65 Punkten. Besonders alarmierend: Weniger als die Hälfte der Befragten sieht sich in der Lage, ihre Tätigkeit bis zum Renteneintritt auszuüben. 60 Prozent befürchten zudem, dass ihre Rente einmal nicht ausreichen werde, um ihren Lebensstandard zu halten.

Kaputte Rücken, hohe Anforderungen: Belastungsfaktoren bringen Paketboten an ihre Grenzen

Laut Datenauswertung der AOK Rheinland/Hamburg fehlen täglich durchschnittlich 7,65 Prozent der Zusteller krankheitsbedingt – ein um 0,51 Prozentpunkte höherer Wert als in vergleichbaren Branchen. Dies ist besonders auffällig, da das Durchschnittsalter der Zusteller mit 38,2 Jahren vergleichsweise niedrig liegt. Drei Viertel der Krankschreibungen gehen auf Muskel-Skelett-Erkrankungen zurück, in anderen Wirtschaftsbereichen sind es weniger als die Hälfte.

„Zustellerinnen und Zusteller sind großen körperlichen Belastungen ausgesetzt – etwa durch das Heben und Tragen schwerer Pakete, häufige Zwangshaltungen oder ständiges Treppensteigen“, erklärt AOK-Experte Michael Wenninghoff. „Dazu kommen Zeitdruck, dichter Verkehr und immer größere Zustellbezirke. Das Risiko körperlicher und psychischer Überlastung ist hoch.“ 93 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, oft oder sehr oft körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. Eine 20-Kilo-Grenze, ab der Pakete nicht mehr von einer Person allein befördert werden dürfen, sei unerlässlich.

Die besten Arbeitgeber in Deutschland: Zu diesen Unternehmen wollen Fachkräfte 2025 gehen

Siemens AG - Hauptversammlung
Siemens hat es an die Spitze geschafft: In Deutschland würden viele Ingenieure am liebsten zu diesem Arbeitgeber gehen. Dort erhoffen sie sich neben guter Bezahlung und flexiblen Arbeitszeiten eine Firma, die für Innovation steht.  © Sven Hoppe/dpa
Die Vorstände des Technologie-Konzerns Bosch Christian Fischer (l-r), Markus Forschner, Stefan Grosch, Stefan Hartung (Vorsitzender), Tanja Rückert, Markus Heyn und Frank Meyer stehen bei der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns an einem Bosch Logo.
Bosch ist auf Platz 2 der führenden Arbeitgeber für junge Fachkräfte im Ingenieurswesen in Deutschland. Damit ist erstmals kein Automobilunternehmen ganz oben mit dabei - dafür aber ihre Zulieferer.  © Bernd Weißbrod/dpa
Porsche 911 Turbo 50 Jahre
Im Ranking der Beratungsfirma Universum hat es Porsche auf den dritten Platz geschafft. Beim letzten Ranking stand der Autokonzern noch an der Spitze, büßt bei Ingenieuren also zwei Plätze ein.  © Porsche AG
BMW-Stammwerk in München
Auch die BMW Group gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern der deutschen Ingenieure. Wie viele Autokonzerne kämpft auch BMW mit harten Zeiten - doch beim Thema E-Mobilität hat dieses Unternehmen die Nase vorn.  © Sven Hoppe/dpa
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group, Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, stehen während der Eröffnungsfeier des Mercedes-Benz-Campus ´zusammen
Bei Mercedes-Benz erhoffen sich Ingenieure ebenfalls eine gute Zukunft mit guter Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen. Noch dazu scheint das Unternehmen sich als besonders innovativ herausstellen zu können.  © Sebastian Gollnow/dpa
Ein Airbus von Qatar Airways landet auf dem Hamburger Flughafen
Einen Platz nach oben gerutscht ist im Universum-Ranking für Ingenieure auch Airbus. Der Flugzeughersteller konnte sich in den vergangenen Monaten gegenüber dem Konkurrenten Boeing positiv positionieren - letzterer ist geplagt von Skandalen und Negativschlagzeilen.  © Georg Wendt/dpa
Gernot Döllner, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2023.
Auch Audi bleibt bei Ingenieuren als Arbeitgeber beliebt - muss aber zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr einbüßen. Die Ingolstädter leiden ebenfalls unter der Autokrise - gerade wird über die Schließung eines Werks in Brüssel intensiv diskutiert.  © Sven Hoppe/dpa
Google eröffnet Cloud-Rechenzentrum in Hanau
Google ist für Ingenieure ein beliebter Arbeitgeber in Deutschland, der Tech-Riese steigt sogar auf im Ranking. Bei der letzten Untersuchung konnte Google nur den 10. Platz für Ingenieure belegen. Dafür ist der Gigant aus den USA im Fachkräfte-Ranking bei der IT an der Spitze der beliebtesten Arbeitgeber.  © Arne Dedert/dpa
Deutsche Bahn fährt in Dresden
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Deutsche Bahn gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern für Ingenieure in Deutschland. Trotz seines schlechten Rufs als Verkehrsmittel scheint die Firma insbesondere Fachkräfte gut zu erreichen. Bei den Lokführern und Kontrolleuren hingegen hörte man zuletzt eigentlich nur Frust.  © Robert Michael/dpa
Björn Bernhard, Geschäftsführer der Rheinmetall Landsysteme GmbH, spricht bei der Übergabe vom Radpanzer für die Bundeswehr vom Typ Boxer als Schwerer Waffenträger Infanterie. Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist mit der Lieferung der 123 Boxer-Fahrzeuge beauftragt worden.
Auf Platz 10 hat es zum ersten Mal ein Rüstungsunternehmen geschafft: Rheinmetall steigt im Ranking der Ingenieure um drei Plätze auf. Damit profitiert das Unternehmen von einer neuen Stellung und Wahrnehmung im Land.  © Philipp Schulze/dpa

Auch Lärm oder widrige Umweltbedingungen durch Hitze, Nässe oder Kälte setzen den Zustellern zu. „Es gibt ganz dringenden Handlungsbedarf in der Branche“, betont die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis gegenüber der dpa. Schließlich seien die Paketdienstleister „wichtig für Verbraucherinnen und Verbraucher und für die Wirtschaft.“

Zustellbezirke werden größer: Zusteller müssen bei der Qualität ihrer Arbeit Abstriche machen

In der Verdi-Umfrage gaben 89 Prozent der Befragten zudem an, in den letzten zwölf Monaten mehr Arbeit in der gleichen Zeit bewältigen zu müssen. Eine ähnlich hohe Zahl fühlt sich gehetzt und an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Fast vier von fünf Befragten müssen nach eigenen Angaben Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen, um das Pensum überhaupt zu schaffen.

Beschäftigte ohne Tarifbindung oder Betriebsrat leisten im Schnitt elf Stunden mehr Arbeit pro Woche und erhalten monatlich etwa 500 Euro weniger als Kollegen in tarifgebundenen und mitbestimmten Betrieben. Darüber hinaus stellten die Autoren der Studie klare Hinweise auf Arbeitsrechtsverstöße seitens der Arbeitgeber fest. Dazu zählen Überschreitungen der zulässigen Arbeitszeit, unbezahlte Überstunden und verspätete Lohnzahlungen.

DHL verzichtet auf Subunternehmen – Konkurrent äußert Zweifel an der Studie

Besonders problematisch scheint die Situation laut Kontrollaktionen des Arbeitsministeriums Nordrhein-Westfalens bei Subunternehmen zu sein. Arbeitsschutzunterweisungen wurden nicht korrekt durchgeführt und auch die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung lag in den meisten Fällen nicht vor. Die Gewerkschaft fordert daher ein komplettes Verbot von Subunternehmen in der Paketbranche. Der Marktführer DHL geht bereits einen anderen Weg und setzt fast ausschließlich eigene Mitarbeiter für die Zustellung ein.

Ein DHL-Sprecher betont gegenüber der dpa, sein Unternehmen biete sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mit Tarifvertrag und fairer Vergütung. Die Branche verändere sich rasant, mit stärker schwankenden Sendungsmengen als früher. An Tagen mit hohem Volumen wie vor Weihnachten brauche man viele Arbeitskräfte, an schwächeren Tagen weniger. DHL investiere in Arbeitsschutz und stelle moderne, ergonomische Arbeitsmittel bereit. Dass DHL gerade in der Vorweihnachtszeit dennoch Probleme hat, zeigt ein Schnappschuss aus einem Paketshop.

Der Branchenverband BPEX, der die Paketdienstleister GLS, DPD und Hermes repräsentiert, weist unterdessen die Ergebnisse der Ver.di-Studie zurück. Nach Angaben des Verbands vermittle die Untersuchung ein Bild, das „nicht auf fundierten Erkenntnissen“ basiere. Eine vom BPEX im Jahr 2024 beauftragte eigene Befragung habe hingegen deutlich positivere Resultate und hohe Zufriedenheitswerte unter den Beschäftigten gezeigt. (Quellen: Verdi, dpa, AOK, Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalen) (jaka)

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