Exporte und Seltene Erden

Im Handelskrieg mit den USA schlägt China zurück – und trifft auch Deutschland hart

  • Sven Hauberg
    VonSven Hauberg
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Ursula von der Leyen will zusammen mit den USA gegen China vorgehen. Doch Trump agiert lieber alleine. Die EU könnte dabei auf der Strecke bleiben.

Bevor Donald Trump Anfang der Woche überraschend den G7-Gipfel in Kanada verließ, versuchte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit einem überraschenden Vorstoß, noch schnell gut Wetter beim US-Präsidenten zu machen. Statt sich mit Zöllen gegenseitig ins Visier zu nehmen, sollten sich EU und USA doch bitte gemeinsam auf die wahre Bedrohung für einen geordneten Welthandel konzentrieren: China. Die Volksrepublik halte sich nicht an die Regeln des weltweiten Handels, sie subventioniere die eigene Produktion, um globale Lieferketten zu dominieren, und untergrabe den Schutz geistigen Eigentums, erklärte von der Leyen dem US-Präsidenten.

Es sind Klagen, wie man sie derzeit häufig hört. „China spielt nicht fair“, hieß es zum Beispiel vor wenigen Tagen vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), chinesische Unternehmen würden häufig wettbewerbsverzerrende Vorteile und Subventionen genießen. Und in einer Umfrage der EU-Handelskammer in China beklagten Ende Mai fast drei Viertel der befragten europäischen Unternehmen in der Volksrepublik eine Verschlechterung der Lage.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

Seltene Erden: China dominiert Weltmarkt – USA suchen Einigung

Die USA aber scheinen nicht nur entschlossen, ihren Handelskrieg an allen Fronten gleichzeitig zu führen. Auch gegen China scheint Trump alleine kämpfen zu wollen. Mutmaßlich, um einen etwaigen Erfolg für sich reklamieren zu können. Einen vermeintlichen ersten Etappensieg hatte er bereits in der vergangenen Woche verkündet, nach Gesprächen von Vertretern Chinas und der USA in London. Laut Trump verständigten sich beide Länder auf einen Abbau von Exportbeschränkungen bei Seltenen Erden, im Gegenzug dürften chinesische Studenten wieder in den USA studieren. Auch würden die gegenseitigen Zölle deutlich gesenkt.

Wenig später allerdings zeigt sich, dass von einer Einigung keine Rede sein kann. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, Peking habe sich nicht dazu verpflichtet, die Ausfuhr einiger spezieller Seltenerdmagnete zu genehmigen, die die USA für Kampfjets und Raketensysteme benötigen. Umgekehrt hielten die USA Ausfuhrbeschränkungen für fortschrittliche KI-Chips aufrecht, weil sie befürchteten, dass China diese Chips auch militärisch nutze.

Beide Länder zielen damit auf den wunden Punkt des jeweils anderen. China hinkt den USA bei der Chip-Entwicklung noch deutlich hinterher, dafür dominiert das Land das weltweite Geschäft mit Seltenen Erden. Die Volksrepublik verfügt über knapp die Hälfte der weltweiten Reserven der begehrten Metalle und kontrolliert etwa 90 Prozent der Produktion. Seit Beginn des Handelskriegs mit den USA Anfang April hat China die Ausfuhren bestimmter Seltener Erden beschränkt, betroffen sind davon auch deutsche Hersteller, laut Handelsblatt mussten erste Unternehmen bereits die Produktion drosseln. Und China baut seine Dominanz weiter aus, unter anderem im Nachbarland Myanmar. Berichten zufolge lässt China in dem Bürgerkriegsland derzeit neue Vorkommen erschließen.

Der Hafen der ostchinesischen Stadt Ningbo: Die Volksrepublik steigert ihre Exporte immer weiter.

China überschwemmt Europa mit billigen Waren

Die Sorge der EU: Sollten sich China und die USA tatsächlich auf einen weitreichenden Deal über den Export Seltener Erden verständigen, könnte den Europäern kaum mehr bleiben als die Rolle des Zuschauers. Die USA dürften sich die Rohstoffe sichern, die sie benötigen, die Europäer könnten leer ausgehen. Wohl auch deswegen drängt von der Leyen die USA zu einem gemeinsamen Vorgehen.

In Kanada einigten sich die G7-Staaten nun zwar tatsächlich auf einen Aktionsplan, um Risiken bei kritische Rohstofflieferketten zu verringern. Noch aber ist das Papier kaum mehr als eine Absichtserklärung. Und den USA, das haben die ersten Trump-Monate gezeigt, geht es vor allem um sich selber, die Rohstoffsorgen der Europäer dürften dem US-Präsidenten herzlich egal sein.

Ebenfalls Sorge bereiten den Europäern die massiven chinesischen Exporte, die auch hierzulande die Märkte fluten. Zwar ist die chinesische Fabrikproduktion im Mai auf ein Sechsmonatstief gefallen; bislang aber liegen die chinesischen Exporte in diesem Jahr deutlich höher als im Vorjahreszeitraum, der chinesische Handelsüberschuss mit dem Rest der Welt ist um 40 Prozent gewachsen.

„Chinas Exportüberschuss war schon im letzten Jahr stark gestiegen und hatte mit fast 1000 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekordwert erreicht. Diese Entwicklung setzt sich in diesem Jahr ungebremst weiter fort“, sagte der Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dem Münchner Merkur. Besonders betroffen ist Deutschland. Chinas Exporte in die Bundesrepublik stiegen im Mai um 21,5 Prozent verglichen mit dem Vorjahresmonat, während die Importe aus Deutschland um 1,3 Prozent zurückgingen. Chinas Exporteure leiten aufgrund des Handelskonflikts mit den USA ihre Warenströme also möglicherweise um, auch wenn derzeit noch unklar ist, welche Rolle Trumps US-Zölle dabei genau spielen.

„China braucht die Exportimpulse für seine schwächelnde Wirtschaft“

„China braucht die Exportimpulse für seine schwächelnde Wirtschaft“, erklärt Matthes. Daheim läuft es schon länger nicht rund – die Chinesen konsumieren wenig, die seit Jahren schwelende Immobilienkrise hat sich nur wenig beruhigt. Steigende Exporte sollen diese Entwicklung ausgleichen. „Doch die Überschüsse gehen zunehmend zulasten der Handelspartner, zumal China seine Wirtschaft sehr umfangreich subventioniert und damit unfair spielt“, so IW-Experte Matthes. „Das bekommt auch Deutschland zu spüren, in sinkenden Exporten und steigenden Importen. Unser Handelsbilanzdefizit gegenüber China steigt also spiegelbildlich zu Chinas Überschuss.“

Soll heißen: Je mehr China selbst produziert, desto weniger können deutsche Hersteller in der Volksrepublik absetzen – und desto mehr billige China-Waren landen bei uns. Vor allem Chinas Automobilexporte bereiten deutschen Experten Sorge, in den ersten Monaten 2025 exportierte China fast 65 Prozent mehr Elektroautos als im Vorjahreszeitraum.

Es ist ein Problem, das den Europäern schon länger bewusst ist, dem sie bislang aber reichlich hilflos gegenüberstehen. Auf Schützenhilfe aus den USA dürfen sie allerdings kaum hoffen, für Trump sind die Europäer ein ähnlich großes Problem wie die Chinesen: Der US-Präsident glaubt, die EU sei nur deshalb gegründet worden, um die USA wirtschaftlich auszunehmen. Ein Deal zwischen den USA und China würde Europas Probleme mit der Volksrepublik jedenfalls kaum lösen – und schlimmstenfalls noch vergrößern.

Rubriklistenbild: © Hector Retamal/AFP