Exporte und Seltene Erden
Im Handelskrieg mit den USA schlägt China zurück – und trifft auch Deutschland hart
VonSven Haubergschließen
Ursula von der Leyen will zusammen mit den USA gegen China vorgehen. Doch Trump agiert lieber alleine. Die EU könnte dabei auf der Strecke bleiben.
Bevor Donald Trump Anfang der Woche überraschend den G7-Gipfel in Kanada verließ, versuchte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit einem überraschenden Vorstoß, noch schnell gut Wetter beim US-Präsidenten zu machen. Statt sich mit Zöllen gegenseitig ins Visier zu nehmen, sollten sich EU und USA doch bitte gemeinsam auf die wahre Bedrohung für einen geordneten Welthandel konzentrieren: China. Die Volksrepublik halte sich nicht an die Regeln des weltweiten Handels, sie subventioniere die eigene Produktion, um globale Lieferketten zu dominieren, und untergrabe den Schutz geistigen Eigentums, erklärte von der Leyen dem US-Präsidenten.
Es sind Klagen, wie man sie derzeit häufig hört. „China spielt nicht fair“, hieß es zum Beispiel vor wenigen Tagen vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), chinesische Unternehmen würden häufig wettbewerbsverzerrende Vorteile und Subventionen genießen. Und in einer Umfrage der EU-Handelskammer in China beklagten Ende Mai fast drei Viertel der befragten europäischen Unternehmen in der Volksrepublik eine Verschlechterung der Lage.
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Seltene Erden: China dominiert Weltmarkt – USA suchen Einigung
Die USA aber scheinen nicht nur entschlossen, ihren Handelskrieg an allen Fronten gleichzeitig zu führen. Auch gegen China scheint Trump alleine kämpfen zu wollen. Mutmaßlich, um einen etwaigen Erfolg für sich reklamieren zu können. Einen vermeintlichen ersten Etappensieg hatte er bereits in der vergangenen Woche verkündet, nach Gesprächen von Vertretern Chinas und der USA in London. Laut Trump verständigten sich beide Länder auf einen Abbau von Exportbeschränkungen bei Seltenen Erden, im Gegenzug dürften chinesische Studenten wieder in den USA studieren. Auch würden die gegenseitigen Zölle deutlich gesenkt.
Wenig später allerdings zeigt sich, dass von einer Einigung keine Rede sein kann. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, Peking habe sich nicht dazu verpflichtet, die Ausfuhr einiger spezieller Seltenerdmagnete zu genehmigen, die die USA für Kampfjets und Raketensysteme benötigen. Umgekehrt hielten die USA Ausfuhrbeschränkungen für fortschrittliche KI-Chips aufrecht, weil sie befürchteten, dass China diese Chips auch militärisch nutze.
Beide Länder zielen damit auf den wunden Punkt des jeweils anderen. China hinkt den USA bei der Chip-Entwicklung noch deutlich hinterher, dafür dominiert das Land das weltweite Geschäft mit Seltenen Erden. Die Volksrepublik verfügt über knapp die Hälfte der weltweiten Reserven der begehrten Metalle und kontrolliert etwa 90 Prozent der Produktion. Seit Beginn des Handelskriegs mit den USA Anfang April hat China die Ausfuhren bestimmter Seltener Erden beschränkt, betroffen sind davon auch deutsche Hersteller, laut Handelsblatt mussten erste Unternehmen bereits die Produktion drosseln. Und China baut seine Dominanz weiter aus, unter anderem im Nachbarland Myanmar. Berichten zufolge lässt China in dem Bürgerkriegsland derzeit neue Vorkommen erschließen.
China überschwemmt Europa mit billigen Waren
Die Sorge der EU: Sollten sich China und die USA tatsächlich auf einen weitreichenden Deal über den Export Seltener Erden verständigen, könnte den Europäern kaum mehr bleiben als die Rolle des Zuschauers. Die USA dürften sich die Rohstoffe sichern, die sie benötigen, die Europäer könnten leer ausgehen. Wohl auch deswegen drängt von der Leyen die USA zu einem gemeinsamen Vorgehen.
In Kanada einigten sich die G7-Staaten nun zwar tatsächlich auf einen Aktionsplan, um Risiken bei kritische Rohstofflieferketten zu verringern. Noch aber ist das Papier kaum mehr als eine Absichtserklärung. Und den USA, das haben die ersten Trump-Monate gezeigt, geht es vor allem um sich selber, die Rohstoffsorgen der Europäer dürften dem US-Präsidenten herzlich egal sein.
Ebenfalls Sorge bereiten den Europäern die massiven chinesischen Exporte, die auch hierzulande die Märkte fluten. Zwar ist die chinesische Fabrikproduktion im Mai auf ein Sechsmonatstief gefallen; bislang aber liegen die chinesischen Exporte in diesem Jahr deutlich höher als im Vorjahreszeitraum, der chinesische Handelsüberschuss mit dem Rest der Welt ist um 40 Prozent gewachsen.
„Chinas Exportüberschuss war schon im letzten Jahr stark gestiegen und hatte mit fast 1000 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekordwert erreicht. Diese Entwicklung setzt sich in diesem Jahr ungebremst weiter fort“, sagte der Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dem Münchner Merkur. Besonders betroffen ist Deutschland. Chinas Exporte in die Bundesrepublik stiegen im Mai um 21,5 Prozent verglichen mit dem Vorjahresmonat, während die Importe aus Deutschland um 1,3 Prozent zurückgingen. Chinas Exporteure leiten aufgrund des Handelskonflikts mit den USA ihre Warenströme also möglicherweise um, auch wenn derzeit noch unklar ist, welche Rolle Trumps US-Zölle dabei genau spielen.
„China braucht die Exportimpulse für seine schwächelnde Wirtschaft“
„China braucht die Exportimpulse für seine schwächelnde Wirtschaft“, erklärt Matthes. Daheim läuft es schon länger nicht rund – die Chinesen konsumieren wenig, die seit Jahren schwelende Immobilienkrise hat sich nur wenig beruhigt. Steigende Exporte sollen diese Entwicklung ausgleichen. „Doch die Überschüsse gehen zunehmend zulasten der Handelspartner, zumal China seine Wirtschaft sehr umfangreich subventioniert und damit unfair spielt“, so IW-Experte Matthes. „Das bekommt auch Deutschland zu spüren, in sinkenden Exporten und steigenden Importen. Unser Handelsbilanzdefizit gegenüber China steigt also spiegelbildlich zu Chinas Überschuss.“
Soll heißen: Je mehr China selbst produziert, desto weniger können deutsche Hersteller in der Volksrepublik absetzen – und desto mehr billige China-Waren landen bei uns. Vor allem Chinas Automobilexporte bereiten deutschen Experten Sorge, in den ersten Monaten 2025 exportierte China fast 65 Prozent mehr Elektroautos als im Vorjahreszeitraum.
Es ist ein Problem, das den Europäern schon länger bewusst ist, dem sie bislang aber reichlich hilflos gegenüberstehen. Auf Schützenhilfe aus den USA dürfen sie allerdings kaum hoffen, für Trump sind die Europäer ein ähnlich großes Problem wie die Chinesen: Der US-Präsident glaubt, die EU sei nur deshalb gegründet worden, um die USA wirtschaftlich auszunehmen. Ein Deal zwischen den USA und China würde Europas Probleme mit der Volksrepublik jedenfalls kaum lösen – und schlimmstenfalls noch vergrößern.
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