Wohnungen im Landschaftsschutzgebiet?
Maintal will Kling-Gelände schnell als Wohnquartier entwickeln
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Die Diskussion ist nicht neu: Die Stadt hatte das Kling-Gelände 2018 gekauft, um es zum Wohngebiet zu entwickeln. Doch bei dem Areal handelt es sich um ein Landschaftsschutzgebiet.
Maintal – Bezahlbarer Wohnraum ist in Maintal Mangelware. Die Entwicklung mehrerer Neubaugebiete läuft zwar, dauert aber. Der Maintaler CDU geht das – wie wohl auch vielen, die in Maintal auf Wohnungssuche sind – zu langsam. Sie hat daher in den Haushaltsverhandlungen erneut das Kling-Gelände ins Spiel gebracht, ein rund 5,3 Hektar großes Areal, das teilweise in Hochstadt und teilweise in Dörnigheim liegt und dessen Zukunft als Wohngebiet schon seit vielen Jahren in Maintal diskutiert wird.
Eine Entwicklung zur Wohnbebauung stand allerdings bislang entgegen, dass das Gebiet Landschaftsschutzgebiet ist. Ungeachtet dessen fordert ein gemeinsamer Haushaltsantrag von CDU, FDP und SPD jetzt Tempo vom Magistrat: Die Stadt soll demnach „umgehend“ ein externes Planungsbüro zur Entwicklung des Areals beauftragen, mit dem Ziel, bis Ende des Jahres Baurecht zu schaffen und ein Quartier zu planen. Umgesetzt werden soll die Entwicklung von der Maintal Immobilien Gesellschaft (MIG), ab 2025. Die Dringlichkeit ist dem Haushaltsbeschluss anzumerken: Die Verwaltung soll die Umsetzung priorisieren und noch im April über den aktuellen Stand informieren.
Damit wollen die drei Fraktionen Jahren der Diskussion ein Ende setzen. Denn das Gebiet ist bereits seit 2018 in Eigentum der Stadt. 2,4 Millionen Euro hat sie für das Gelände bezahlt, auf dem sich derzeit nur ein einziges Wohngebäude – die ehemalige Kling-Villa – befindet. Im weitaus größten Teil des Gebiets leben teilweise sehr seltene Tiere, die Grund dafür sind, warum es als Landschaftsschutzgebiet definiert ist und bislang nicht für eine Entwicklung als Wohnquartier in die engere Auswahl gezogen worden ist.
Gutachten betonen hohen ökologischen Wert des Geländes
Welche Tiere dort genau heimisch sind, hat unter anderem ein faunistisches Gutachten aus dem Jahr 2003 untersucht. Demnach handelt es sich bei dem Gebiet um ein Gelände mit großer Strukturvielfalt, auf dem unterschiedliche Habitate aufzufinden und eine große Artenvielfalt anzutreffen sind: unter anderem 40 Vogelarten, darunter 27 nachgewiesene Brutvögel, zehn Heuschreckenarten, drei Amphibien- und drei Reptilienarten. Zudem wurden zahlreiche Gewässerwirbellose wie Libellen und Falter nachgewiesen.
Besonders schützenswert sei dieser Tierbestand, weil auch gefährdete und geschützte Arten wie die Ringelnatter, die Zauneidechse, der Eisvogel und der Kuckuck dort lebten. Das Gutachten war daher zu dem Schluss gekommen, keine Bebauung zu empfehlen.
Eine neuere sogenannte Habitatpotenzialanalyse des Ökobüros Gelnhausen aus 2020 revidiert dieses Urteil zumindest teilweise: Das Gutachten spricht verschiedenen Teilbereichen des Grundstücks unterschiedliche Potenziale zu und schließt eine Wohnbebauung nicht mehr kategorisch aus. Die Potenzialanalyse empfiehlt aber zum Beispiel im Norden und Süden eine Bebauung mit Reihenhäusern, verbunden mit einer Festlegung zur Gartengestaltung, um einen möglichst hohen Anteil der vorhandenen Naturschutzgebiete zu erhalten. Außerdem sollte die Vegetation über mindestens ein Jahr erfasst werden, bevor eine Wohnbebauung geplant wird.
Machbarkeitsstudie hält über 100 Wohneinheiten für möglich
Ob dies Realität wird, hängt allerdings hauptsächlich davon ab, ob die Einstufung als Landschaftsschutzgebiet bestehen bleibt oder nicht. Die Stadt hat eine Aufnahme des Gebiets als Wohnbaufläche in den Regionalen Flächennutzungsplan des Regionalverbands FrankfurtRheinMain beantragt. Laut einer Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2022 ist sie derzeit als Prüffläche aufgeführt. In einem ersten Verfahren sei die Aufnahme als Baufläche abgelehnt worden, schreiben die Autoren der Studie der Bauland-Offensive Hessen, die Flächen zur Wohnbebauung für die Wohnungsbauinitiative „Großer Frankfurter Bogen“ untersucht.
Die Machbarkeitsstudie bescheinigt den Entwicklungsplänen dennoch gute Aussichten. Sie kommt etwa zu dem Schluss, dass es keine Altlasten gibt, auch nicht aus Zeiten, in denen ein Teil des Geländes als Müllkippe genutzt wurde. Auch Kampfmittel sind demnach kein Thema. Der Regionale Flächennutzungsplan weist dennoch Flächen auf dem Gelände aus, deren Böden „erheblich mit umweltgefährdenden Stoffen belastet“ sind.
Ungeachtet dessen hält die Machbarkeitsstudie 106 Wohneinheiten für rund 260 Einwohner für möglich, der überwiegende Anteil davon im Geschosswohnungsbau im Westen des Gebiets. Im Norden und Süden empfiehlt die Studie kleinere Wohneinheiten als Eigenheime.
Nur knapp die Hälfte des Kling-Geländes als Bauland
Die Studienautoren halten jedoch lediglich 2,35 der 5,3 Hektar für bebaubar. Alle anderen Flächen sollen zum Schutz der Tiere und als Ausgleichsflächen unbebaut bleiben. Ein Teil der Uferzone soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch für den Arbeitskreis Asyl, der derzeit die Klingvilla als Begegnungshaus für vielfältige Bildungs-, Beratungs- und Gemeinschaftsangebote nutzt, sind Räumlichkeiten vorgesehen.
Wirtschaftlich kam die Studie zu dem Schluss, dass sich die Entwicklung der Fläche mit dem Verkauf der baureifen Grundstücke selbst trägt. Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung des Bebauungskonzepts stellt Erlöse von 7,9 Millionen Euro Aufwendungen von 7,2 Millionen Euro gegenüber.
Von Bettina Merkelbach