„Größte Anschaffung der Streitkräfte“
Um Putin abzuschrecken: Fregatten mit Hubschraubern sollen an die NATO-Nordflanke
VonPeter Siebenschließen
Norwegen will brandneue Fregatten bauen. Das ist ein Signal auch an Putin. Deutschland könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Als die Helge Ingstad sank, war das vielleicht der Anfang vom Ende. Nach einem Zusammenstoß mit einem Öltanker 2018 war die Fregatte Geschichte – und die norwegische Marine hatte nur noch vier Kriegsschiffe der Fridtjof-Nansen-Klasse übrig. Vielleicht ein allererstes Signal, die Anfang der 2000er in der spanischen Werft Navantia gebauten Schiffe zu erneuern.
Jetzt plant die norwegische Regierung die Anschaffung von mindestens fünf brandneuen Fregatten – auch als Teil der umfangreichen Verteidigungsausgaben, die Norwegen jüngst beschlossen hat. Das NATO-Land hat eine direkte Grenze zu Russland, die Kola-Halbinsel, wo unter anderem russische Atom-U-Boote stationiert sind, liegt gewissermaßen um die Ecke. Und seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Norwegen seine einst auf gute nachbarschaftliche Beziehungen ausgerichtete Politik grundlegend geändert. Das Signal an den Nachbarn: Wir lassen uns nichts gefallen und sind gerüstet. Auch Deutschland wird damit an der NATO-Nordflanke eine immer größere Rolle spielen.
Neue Fregatten an der NATO-Nordflanke als Abschreckung gegen Putin
„Die neuen Fregatten stellen die größte Anschaffung dar, die die norwegischen Streitkräfte in den kommenden Jahren planen“, erklärt der norwegische Verteidigungsattaché Fredrik Bassøe Borgmann im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Konkret hat das norwegische Parlament beschlossen, im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit einem engen Verbündeten Fregatten mit Hubschraubern zu beschaffen, die die Schiffe der Nansen-Klasse ersetzen werden.
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Wer der strategische Partner sein wird, ist noch unklar – Deutschland gilt nun aber als aussichtsreicher Kandidat. Elf Bewerbungen hatte es gegeben, aktuell sind noch vier potenzielle Kandidaten im Rennen, neben Deutschland sind das Großbritannien, Frankreich und die USA. „Die neuen Fregatten sollen nicht als eigenständige Schiffe beschafft werden, sondern im Rahmen einer langfristigen und für beide Seiten vorteilhaften strategischen Partnerschaft mit einem engen Verbündeten, dessen strategische Interessen eng mit denen Norwegens übereinstimmen.“
NATO-Staaten Norwegen und Deutschland bauen bereits gemeinsam U-Boote
Nach diesem Prinzip läuft bereits ein anderes deutsch-norwegisches Projekt: Die beiden Länder entwickeln und bauen neuartige U-Boote der Klasse 212CD gemeinsam. Gebaut werden sie bei Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) in Kiel, erst vor wenigen Tagenm wurde eine Wartungswerft im norwegischen Bergen eingeweiht. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius war extra zum obligatorischen Spatenstich angereist. Das Besondere: Die U-Boote sind so beschaffen, dass Besatzungen beider Streitkräfte sich sofort zurecht finden können; ein Zeichen von großem Vertrauen.
„Es ist ein positives Zeichen, dass Deutschland unter die letzten vier Bewerber für die norwegische Fregatten-Ausschreibung gekommen ist. Dies verdeutlicht die Anerkennung deutscher Expertise und Technologien im maritimen Bereich“, sagt Michael Kern, Vorstandsmitglied der deutsch-norwegischen Handelskammer in Oslo, im Gespräch mit dieser Redaktion. Die bereits bestehende Partnerschaft, etwa im U-Boot-Programms, zeige, wie erfolgreich eine solche enge Zusammenarbeit sein könne. „Sie schafft eine solide Basis für weiteres Vertrauen und könnte auch bei neuen Projekten wie den Fregatten Synergien bieten“, glaubt Kern.
Fregatten mit Hubschraubern zur Überwachung russischer Aktivitäten
Natürlich sei es wichtig, Norwegens Überlegungen hinsichtlich Diversifikation und möglicher Partnerschaften mit mehreren Akteuren zu respektieren. „Dennoch könnte eine Fortsetzung der bilateralen Kooperation, insbesondere vor dem Hintergrund gemeinsamer NATO-Ziele, Vorteile für beide Länder bieten.“ Die Schiffe werden mit Bordhubschraubern ausgestattet sein und sind damit besonders prädestiniert für Aufklärungsmissionen und die Überwachung russischer Aktivitäten im hohen Norden etwa in der Barentsee. Die norwegische Regierung will die endgültige Entscheidung über den zukünftigen strategischen Partner beim Fregattenbau im Laufe des nächsten Jahres treffen.
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