79 Milliarden Euro Börsenwert
Europäischer Bankenriese? Unicredit will Commerzbank übernehmen – doch es gibt Bedenken
- VonMax Schäferschließen
Nach dem Einstieg will die italienische Unicredit die Commerzbank ganz übernehmen. Ein neuer Bankenriese mit Börsenwert von 79 Milliarden Euro würde entstehen. Doch es gibt Zweifel.
Frankfurt – Nach dem Einstieg von Unicredit bei der deutschen Commerzbank wirbt die italienische Großbank für eine Übernahme von Deutschlands zweitgrößter Privatbank. Bei einem Zusammenschluss würde ein europäischer Bankenriese mit einem Börsenwert von rund 79 Milliarden Euro entstehen. Unicredit-Chef Andrea Orcel forderte jedoch, die Commerzbank müsse profitabler werden. Im Fall eines Zusammenschlusses gebe es Einsparpotenzial.
„Eine Zusammenführung beider Banken könnte zu einem erheblichen Mehrwert für alle Stakeholder führen und würde einen deutlich stärkeren Wettbewerber auf dem deutschen Bankenmarkt schaffen“, sagte Orcel dem Handelsblatt. „Privatkunden könnten besser unterstützt und der deutsche Mittelstand mit Finanzierungen gestärkt und international umfassender begleitet werden.“
Unicredit-Chef will Commerzbank-Übernahme – und fordert mehr Profitabilität
Zwischen beiden Banken gebe es sehr wenige Überschneidungen, sagte Orcel. „Es wäre also möglich, eine Bank zu schaffen, die sich geografisch gut ergänzt und mit Privatkunden- und Unternehmensgeschäft sehr gut ausbalanciert ist.“ Einsparmöglichkeiten gebe es vor allem bei den Zentralfunktionen. Die Unicredit ist seit der Übernahme der HypoVereinsbank (HVB) im Jahr 2005 stark in Deutschland vertreten.
„Es ist wichtig, dass die Commerzbank ihre Bilanz stärkt, wächst und dabei gleichzeitig profitabler wird“, forderte Orcel weiter. „Das aktuelle Management hat hier deutliche Fortschritte gemacht, aber meiner Meinung nach kann man noch viel mehr tun.“ Die Eigenkapitalrendite der Unicredit-Tochter HVB sei doppelt so hoch wie die der Commerzbank. Ihr Verhältnis von Kosten zu Erträgen liege 20 Prozentpunkte unter dem der Frankfurter, sagte Orcel.
Commerzbank-Führung äußert sich nicht zur möglichen Unicredit-Übernahme
Commerzbank-Chef Manfred Knof äußerte sich am Montag nicht konkret zu einer möglichen Übernahme. „Es hat einen Kontakt gegeben“, sagte er am Rande einer Veranstaltung in Berlin. „Wir sind von unserem eigenen Plan überzeugt.“ Wenn jemand einen anderen Plan vorlege, werde man das prüfen, im Sinne der Investoren, Kunden und Beschäftigten. Es gehe nun darum, die eigene Strategie umzusetzen, betonte Knof.
Die Unicredit hat den schrittweisen Ausstieg des Bundes aus seiner Commerzbank-Beteiligung genutzt und ist überraschend im großen Stil bei dem Dax-Konzern eingestiegen. Die Italiener erwarben ein Aktienpaket von 4,5 Prozent vom Bund und kauften zudem Anteile am Markt, sodass sie neun Prozent der Aktien halten. Der Bund hatte die Commerzbank in der Finanzkrise mit Milliarden vor dem Kollaps gerettet. Er hält noch zwölf Prozent der Anteile, die er nach und nach verkaufen will.
Die Gewerkschaft Verdi fürchtet den Abbau von Jobs und will sich gegen eine Übernahme der Bank wehren. Sie fordert, der Bund solle keine weiteren Commerzbank-Aktien verkaufen.
Bund steht nach Commerzbank-Übernahme durch Unicredit in der Kritik
Nach dem Unicredit-Einstieg bei der Commerzbank geriet auch die Bundesregierung in die Kritik, die offenbar vom Einstieg der italienischen Bank überrumpelt worden ist. Der Bund werde die Lage nun analysieren, sagte eine Sprecherin von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP).
Es sei vorrangige Sache der Commerzbank-Gremien, mit möglichen Anteilseignen gegebenenfalls zu sprechen. Bei Transaktionen wie beim Verkauf von Bundes-Anteilen an der Commerzbank sei es üblich, im Rahmen des Verkaufsprozesses Investoren anzusprechen. Dies sei geschehen durch eine von der Finanzagentur beauftragte Investmentbank .Unter anderem sei Unicredit kontaktiert worden. Dieses Verfahren diene dazu, das Marktumfeld am Tag der Transaktion einschätzen zu können. (ms/dpa)