Chinesische E-Autos in einem Hafen
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Chinesische E-Autos warten im Hafen von Yantai auf den Export.

Neue Nummer eins

Erstmals seit acht Jahren: China ist nicht mehr Deutschlands wichtigster Handelspartner

  • Sven Hauberg
    VonSven Hauberg
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Nach acht Jahren an der Spitze verliert China seinen Status als wichtigster Handelspartner Deutschlands. Die Entwicklung spiegelt auch tiefgreifende wirtschaftliche Verschiebungen wider.

Acht Jahre lang lautete die Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik stets: China. Nun haben die Statistiker eine neue Nummer eins ausgemacht. Im ersten Quartal dieses Jahres stiegen die USA zu Deutschlands wichtigsten Handelspartner auf, China ist auf den zweiten Platz abgerutscht. Das teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mit. Bereits vor einer Woche hatte die Nachrichtenagentur Reuters auf Grundlage eigener Berechnungen von dem Wechsel an der Spitze berichtet.

Laut Destatis sind vor allem „deutlich“ gesunkene Importe dafür verantwortlich, dass China an Bedeutung verloren hat. Demnach gingen die Einfuhren aus der Volksrepublik um 11,7 Prozent auf 36 Milliarden Euro zurück, auch der Wert der deutschen Exporte sank leicht um 1,1 Prozent auf 24 Milliarden Euro. Insgesamt wurden also Waren im Wert von 60 Milliarden Euro zwischen beiden Ländern gehandelt – und damit weniger als zwischen Deutschland und den USA (63,2 Milliarden Euro). 2023 wurden aufs gesamte Jahr betrachtet Waren im Wert von 252,3 Milliarden Euro zwischen der Bundesrepublik und den USA gehandelt, nur minimal weniger als zwischen Deutschland und China (253,1 Milliarden Euro). Die Trendwende hatte sich also bereits abgezeichnet.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

„China ist der größte Beschaffungsmarkt für Deutschland“

Wan-Hsin Liu von Kiel Institut für Weltwirtschaft macht „die schwache wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland“ für den Rückgang der Einfuhren aus China verantwortlich. Weil Deutschland generell immer weniger aus dem Ausland einführe, wirke sich das eben auch auf den Handel mit der Volksrepublik aus. „China ist der größte Beschaffungsmarkt für Deutschland“, sagte die Ökonomin zu IPPEN.MEDIA.

„Zum anderen könnten auch die De-Risking- beziehungsweise Diversifizierungsversuche von deutschen Unternehmen zu dieser Entwicklung beigetragen haben“, sagt Liu. So würden deutsche Unternehmen versuchen, Waren weniger aus China und vermehrt aus anderen Ländern zu importieren, etwa aus Südostasien.

Auch schwächelt die chinesische Wirtschaft seit geraumer Zeit, was die Konsumlaune in dem Land massiv getrübt hat. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft der Volksrepublik um 5,2 Prozent und damit – abgesehen von den Pandemie-Jahren – so langsam wie nie seit 1990. Für dieses Jahr peilt die Regierung ein Wachstum von „etwa fünf Prozent“ an. Aufgrund der geringen Nachfrage liefern sich Einzelhändler in China derzeit eine Rabattschlacht; vor allem Autobauer bieten hohe Nachlässe an. Teure Importe sind immer weniger gefragt. In den USA hingegen brummt die Wirtschaft, angetrieben auch durch eine offensive Politik von Präsident Joe Biden, die deutsche Unternehmen massiv anzieht.

EU droht China mit Strafzöllen auf E-Autos

Dass auch die Exporte nach China zurückgegangen sind, erklärt Liu damit, dass deutsche Unternehmen bei der Produktion in der Volksrepublik vermehrt auf Waren aus lokaler Produktion zurückgriffen. So müssten weniger Vorprodukte aus Deutschland eingeführt werden. Hinzu kommt, dass China komplexe Güter, die früher importiert werden mussten, heute oft selbst herstellt.

Die Kieler Ökonomin glaubt, dass der Trend anhalten könnte. „Zum einen bleibt die deutsche Wirtschaft 2024 schwach und angeschlagen“, sagt Liu. „Zum anderen werden die De-Risking- und Diversifizierungsversuche weiter fortgesetzt.“ Die Bundesregierung hatte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und den damit verbundenen Auswirkungen auf die deutsche Energieversorgung auch die Abhängigkeiten von China einer neuen Bewertung unterzogen.

Derzeit prüft zudem die EU, Elektroautos aus China mit Strafzöllen zu belegen. Kommissionspräsidentin von Ursula von der Leyen wirft der chinesischen Regierung vor, Autobauer wie BYD massiv zu subventionieren und somit Überkapazitäten zu fördern, die die europäischen Märkte fluten. Zuletzt hatten bereits die USA Strafzölle auf chinesische E-Autos verhängt. Sollte Europa dem amerikanischen Beispiel folgen, dürfte China als Handelspartner der Bundesrepublik weiter an Bedeutung verlieren.