Eine der besten Ski-Allrounderinnen der Welt feiert ihr Comeback. Olympia ist ihr großer Antrieb. Trotz täglicher Schmerzen will sie eine Medaille.
Cortina – Die Tage sind gezählt. Am 6. Februar starten in Mailand und Cortina die Olympischen Winterspiele. Für Federica Brignone schien der Traum von Olmypia in der Heimat (1990 wurde sie in Mailand geboren) schon ausgeträumt zu sein. Die Italienerin hatte sich im April 2025 schwer verletzt, wusste lange nicht, wann mit einem Comeback zu rechnen ist. Jetzt steht fest: Die Rückkehr auf die Piste ist vor den Spielen tatsächlich realisierbar.
Federica Brignone (Mitte) erfüllt sich den Traum von Olympia.
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Bei ihrem schlimmen Sturz hatte sich Brignone einen Schienbeinbruch sowie einen Kreuzbandriss zugezogen, und das kurz nach grandiosen Erfolgen wie einem WM-Titel sowie dem Gewinn des Gesamtweltcups. Drei olympische Medaillen hat sie bereits, eine goldene aber fehlt ihr noch. Nach anstrengenden Monaten steht jetzt fest: Der Traum von Gold, er lebt noch. Dafür aber zahlt die Athletin einen hohen Preis.
Ski-Weltmeisterin Brignone freut sich trotz Schmerzen auf ihr Comeback vor Olympia Am Dienstag, den 20. Januar, will die gebürtige Mailänderin im Riesenslalom (hier geht es zum Live-Ticker ) ihre Rückkehr auf die Piste feiern. Auf der Pressekonferenz sagte Brignone sichtlich gerührt: „Es ist für mich einfach fantastisch, hier dabei zu sein. Es hätte kein passenderer Ort sein können, denn die Erta war schon immer eine Piste, die mir sehr gefallen hat.“
Allerdings weiß sie auch: Es wird alles andere als ein normales Weltcup-Rennen, nach gut neun Monaten Pause geht es erst einmal darum, sich wieder heranzutasten. „Es wird nicht so, wie in den letzten Jahren. Ich bin hier, um einen Test zu machen. Alleine morgen am Start zu stehen, ist ein riesiger Erfolg für mich.“
Leider kein Einzelfall – nächstes Ski-Ass verliert bei Sturz-Drama sein Leben Der italienische Skirennfahrer Matteo Franzoso galt als eines der hoffnungsvollen Talente im Speed-Team der „Azzurri“. Mit 25 Jahren stand er mitten in seiner Karriere, sein Traum war die feste Etablierung im Weltcup. Nun ist er nach einem tragischen Trainingssturz gestorben – der Skisport trauert um einen beliebten Kollegen. © IMAGO/R4924_italyphotopress In den vergangenen Jahren nahm er an mehreren Weltcup-Abfahrten teil und sammelte auch im Europacup Siege. Sein Weg schien vielversprechend, bis das Unglück alles veränderte. © IMAGO/Mattia Radoni / LiveMedia Doch auch vor Franzoso Matteos tragischem Tod forderte die Piste immer wieder auf brutalste Weise ihren Tribut ein. © IMAGO/Zoonar.com/Alexander A. Piragis Die Französin Régine Cavagnoud war amtierende Weltmeisterin im Super-G, als sie im Oktober 2001 bei einem Trainingslauf am Hintertuxer Gletscher mit einem deutschen Trainer kollidierte. Sie erlitt dabei schwerste Kopfverletzungen und verstarb wenige Tage später in einer Innsbrucker Klinik. © IMAGO / Sammy Minkoff Silvano Beltrametti Silvano Beltrametti galt mit mehreren WM-Medaillen im Junioren-Bereich als ein großes Talent im Schweizer Skiverband, als er im Dezember 2001 in Val d’Isère schwer stürzte. Nach einem Kontrollverlust flog er mit hoher Geschwindigkeit von der Strecke und prallte in die Fangzäune. © IMAGO/Camera 4 Silvano Beltrametti Die Folgen waren dramatisch: Beltrametti verletzte sich an der Wirbelsäule und ist seither querschnittsgelähmt. Sein Schicksal schockierte die gesamte Skiwelt und führte zu einer intensiven Diskussion über Sicherheit im alpinen Rennsport. Sein Sturz war ausschlaggebend für die Einführung der blauen Linien auf der Piste, welche den Athleten bei der Orientierung helfen. © IMAGO / Martin Hoffmann Gerade einmal ein Jahr später verunglückte auf der gleichen Strecke ein weiteres Schweizer Talent. Der 20-jährige Werner Elmer stieß mit einem Streckenposten zusammen und verstarb noch am Unfallort. Gerade einmal ein Jahr später verunglückte auf der gleichen Strecke ein weiteres Schweizer Talent. Der 20-jährige Werner Elmer stieß mit einem Streckenposten zusammen und verstarb noch am Unfallort. © Fabrice_Coffrini Christian Neureuther „Es ist ganz klar, wenn ein tragischer Unfall passiert, muss über die Sicherheit diskutiert und gestritten werden. Und das ist auch gut so“, sagte damals ein erschütterter Christian Neureuther nach der Tragödie. © IMAGO / Sven Simon Shelley Glover Im kanadischen Skisport galt Shelley Glover als eine der größten Nachwuchshoffnungen. Mit nur 17 Jahren kam sie 2004 bei einem Super-G-Training in Mont Tremblant ums Leben. Ihr früher Tod erschütterte das ganze Land und hinterließ eine große Lücke im Nachwuchsteam. Die Shelley Glover Foundation setzt sich noch heute für Mädchen und Frauen im Sport ein. © Shelley Glover Foundation/Facebook Nick Zoricic Der kanadische Skicross-Profi Nick Zoricic kam im März 2012 beim Weltcup-Finale in Grindelwald ums Leben. In der Landung nach einem Sprung verlor er die Kontrolle, kam von der Strecke ab und prallte in ein Sicherheitsnetz am Pistenrand. Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche konnten die Ärzte sein Leben nicht retten. © imago sportfotodienst Aksel Lund Svindal Im Dezember 2007 kam es im US-amerikanischen Beaver Creek zu einem der spektakulärsten Stürze der jüngeren Ski-Geschichte. Der Norweger Aksel Lund Svindal verlor nach einem Sprung die Kontrolle, überschlug sich mehrmals und seine Ski flogen durch die Luft. Mit schweren Gesichtsverletzungen und einem Bruch am Schienbein musste er lange pausieren – für viele Athleten wäre das das Karriereende gewesen. © IMAGO / Ulmer Svindal aber kämpfte sich eindrucksvoll zurück: Er wurde mehrfacher Olympiasieger, Weltmeister und eine prägende Figur des alpinen Skisports. Sein Comeback nach dem Horrorcrash gilt bis heute als Musterbeispiel für Stärke und Willenskraft. Svindal aber kämpfte sich eindrucksvoll zurück: Er wurde mehrfacher Olympiasieger, Weltmeister und eine prägende Figur des alpinen Skisports. Sein Comeback nach dem Horrorcrash gilt bis heute als Musterbeispiel für Stärke und Willenskraft. © IMAGO/Geoff Burke Matthias Lanzinger (Österreich) muss nach einem Sturz geborgen werden Der Österreicher Matthias Lanzinger war im März 2008 beim Super-G in Kvitfjell unterwegs, als er nach einem Sprung das Gleichgewicht verlor und unkontrolliert stürzte. Zunächst schien es ein „normaler“ Rennunfall zu sein, doch komplizierte Brüche am linken Bein führten zu Durchblutungsstörungen. Trotz mehrerer Not-Operationen mussten die Ärzte wenige Tage später den Unterschenkel amputieren. Damit war seine Karriere im alpinen Weltcup beendet – doch Lanzinger gab nicht auf. © IMAGO / Digitalsport 21.01.2017, Hahnenkamm, Kitzbuehel, AUT, FIS Weltcup Ski Alpin, KitzCharity Trophy, im Bild Matthias Lanzinger Er wechselte in den Para-Ski-Bereich, startete erfolgreich im internationalen Rennzirkus und vertrat Österreich sogar bei den Paralympischen Spielen. Dort holte er zweimal Silber. Damit wurde er zu einem Symbol für Stärke, Neubeginn und die Kraft des Sports, auch nach einem Schicksalsschlag. © IMAGO / Eibner Europa 22 01 2009 Streif Kitzbühel AUT FIS Alpine Ski World Cup Men 3 Training Daniel Albrecht Beim Training zur legendären Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel kam der Schweizer Daniel Albrecht im Januar 2009 böse zu Fall. Nach einem Sprung verlor er die Kontrolle, überschlug sich mehrmals und blieb regungslos im Zielbereich liegen. Albrecht erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und lag fast drei Wochen im künstlichen Koma. © IMAGO / Eibner 22 01 2009 Streif Kitzbühel AUT FIS Alpine Ski World Cup Men 3 Training Daniel Albrecht
Zuvor hatte er sich als einer der größten Talente des Schweizer Skiverbandes etabliert: 2007 wurde er Weltmeister in der Kombination, gewann im Weltcup mehrere Rennen und galt als Allrounder mit enormem Potenzial. Nach seiner langen Reha kehrte er tatsächlich in den Weltcup zurück – auch wenn er nicht mehr ganz an seine alten Erfolge anschließen konnte. © IMAGO / Eibner Hans Grugger Die Streif in Kitzbühel gilt als die gefährlichste Abfahrt der Welt – und dort ereignete sich im Januar 2011 der schwerste Sturz in der Karriere von Hans Grugger. Der Österreicher kam im Training am berüchtigten „Mausefalle“-Sprung zu Sturz, schlug mit voller Wucht auf und blieb bewusstlos im Schnee liegen. ©
IMAGO / ActionPictures Hans Grugger Ein Rettungshubschrauber brachte ihn mit schweren Kopf- und Brustverletzungen in die Klinik, wo er wochenlang auf der Intensivstation behandelt wurde. Zuvor hatte Grugger bereits vier Weltcuprennen gewonnen und sich als feste Größe im österreichischen Speed-Team etabliert. Zwar kämpfte er sich nach monatelanger Reha zurück ins Leben, doch eine Rückkehr in den Weltcup war unmöglich. ©
IMAGO / ActionPictures Le skieur français David Poisson se tue à l’entraînement sur une piste de l’Alberta, au Canada Der französische Speed-Spezialist David Poisson, von seinen Teamkollegen „Caillou“ genannt, kam im November 2017 bei einem Trainingssturz im kanadischen Nakiska ums Leben. Der damals 35-Jährige war ein erfahrener Rennfahrer, der 2013 bei der WM in Schladming überraschend Bronze in der Abfahrt gewann. Er nahm zudem an den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver teil und war auch für Sotschi 2014 im französischen Team nominiert. Bei dem Trainingsunfall verlor er kurz vor dem Ziel einen Ski und prallte gegen einen Baum – die Verletzungen waren so schwer, dass jede Hilfe zu spät kam. Erneut wurden die Diskussionen um die Sicherheit der Fahrer laut. © IMAGO/Agence Zoom/Bestimage Max Burghart Kurz darauf ereignete sich der nächst tragische Vorfall. Der junge Skirennläufer Max Burkhart, 17 Jahre alt und aktives Nachwuchstalent des Skiclubs Partenkirchen, verunglückte Anfang Dezember 2017 bei einem Abfahrtslauf in Lake Louise, Kanada. Beim Run stürzte er in ein Fangnetz, wobei die scharfen Kanten seiner Ski das Netz durchtrennten und er schwere Unterleibsverletzungen erlitt. Rettungskräfte reagierten sofort, er wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht, starb dort jedoch einen Tag später an seinen Verletzungen. © @m.burkhart/Instagram 12 12 2018 Saslong St Christina ITA FIS Weltcup Ski Alpin Abfahrt Marc Gisin aus der Schweiz stürzte 2018 auf der Saslong in Gröden so heftig, dass er eine Zeit lang regungslos und ohne Bewustsein im Schnee lag. © EIBNER/EXPA/Johann Groder Sport Themen der Woche KW50 Sport Bilder des Tages 15 12 2018 Saslong St Christina ITA FIS Welt Ein Rettungshubschrauber brachte ihn ins Krankenhaus. Schädel und Rückenverletzungen zog Gisin sich, anders als anfänglich angenommen jedoch nicht zu und kam mit einigen gebrochenen Rippen davon. Zwei Jahre später beendete er seine Karriere. © Eibner-Pressefoto/EXPA/Groder Fürchterlicher Moment: Urs Kryenbühl stürzt schwer. Beim Abfahrtsklassiker auf der Streif in Kitzbühel erlebte der Schweizer Urs Kryenbühl im Januar 2021 einen der schlimmsten, nicht tödlichen Stürze der letzten Jahre. Kurz vor der Ziellinie verlor er bei über 140 km/h die Kontrolle, hob ab und prallte mit voller Wucht auf die Piste. Mit Schädel-Hirn-Trauma, Schlüsselbein- und Bänderverletzungen musste er mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen und mehrere Tage auf der Intensivstation behandelt werden. Für den damals 26-Jährigen bedeutete der Unfall eine monatelange Zwangspause, die seine Karriere dauerhaft prägte. Sein Sturz zeigte einmal mehr, wie hoch das Risiko auf der berüchtigten Streif ist – selbst für Weltklassefahrer. © HELMUT FOHRINGER / AFP Matilde Lorenzi Im Oktober 2024 verunglückte die erst 19-jährige Matilde Lorenzi bei einem Trainingslauf im Schnalstal tödlich. Die Italienerin war Teil des Militärteams CS Esercito, hatte bereits nationale Super-G-Titel gewonnen und galt als eines der größten Nachwuchstalente ihres Landes. Trotz schneller Rettung und Hubschraubertransport ins Krankenhaus von Bozen überlebte sie ihre schweren Kopfverletzungen nicht. Um ihr Vermächtnis zu bewahren, gründete ihre Familie die Stiftung „Matildina4Safety“, die sich für mehr Sicherheit im Skisport einsetzt und damit ein starkes Zeichen über Lorenzis Tod hinaus setzt. © matiilorenzi/Instagram alpine ski race - 2023 Audi FIS Ski World Cup - Men s Super G Franzoso Matteo (ITA) during 2023 Audi FIS Ski World Cup Das jüngste Opfer der Piste ist nun Matteo Franzoso. Er wird als talentierter Sportler, geschätzter Teamkollege, Sohn und Bruder in Erinnerung bleiben. Sein früher Tod führt der Skiwelt die ständige Gefahr ihres Sports vor Augen – und macht deutlich, wie eng Freude und Risiko im alpinen Rennsport beieinanderliegen. © IMAGO/Mattia Radoni / LiveMedia Wie schlimm es sie im April erwischt hat? Die Folgen ihres Sturzes sind Tag für Tag präsent. „Es ist noch kein Tag vergangen, an dem ich keine Schmerzen hatte. Beim Skifahren spüre ich es besonders im Schienbein. An manchen Tagen tut es mehr weh, an manchen weniger. Schmerzfrei war ich aber noch nie“, beichtet die 35-Jährige. Trotzdem möchte sie nicht länger auf ihr Comeback warten und verspürt, sobald sie im Starthaus steht, keine Sorgen.
„Ich lebe lieber mein Leben und mache Fehler, als ständig in Angst zu leben.“ Dennoch hofft sie auf Olympia . „Nach dem Rennen am Kronplatz möchte ich für einige Tage in Cortina mit den Speed-Damen trainieren. Und natürlich sind die Olympischen Spiele mein Ziel, aber ich weiß noch nicht, für welche Disziplin es reicht, wie mein Bein reagiert, wie es im Team mit den Plätzen aussieht.“ Noch also ist unklar, ob Brignone an den Start gehen kann. Ihr Wille aber verdient schon jetzt olympisches Gold. (is)
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