Kraftwerk Staudinger Großkrotzenburg
Abbruch in luftiger Höhe
- VonPer Bergmannschließen
Die weithin sichtbare Silhouette des Kraftwerks Staudinger in Großkrotzenburg soll in den kommenden rund 15 Jahren verschwinden. Schritt für Schritt werden die großen Schornsteine zurückgebaut. Der aktuell laufende Abbruch des Kamins von Block 1 soll Ende des Jahres abgeschlossen werden.
Großkrotzenburg - Für Außenstehende sind es spektakuläre Bilder: Hoch oben auf dem Schornstein von Block 1 thront ein Bagger. In schwindelerregender Höhe dreht er seine Runden und „knabbert“ den Beton Stück für Stück ab. „Die zukünftige Silhouette wird sich in den kommenden Jahrzehnten definitiv ändern“, weiß auch Markus Anton, Bereichsleiter Masterplan bei Kraftwerksbetreiber Uniper. „2024 werden voraussichtlich nur noch drei große Schornsteine zu sehen sein.“
Eine Sprengung der Beton-Riesen auf dem Kraftwerksgelände ist nicht möglich, „weil das Risiko besteht, dass die angrenzende Brücke, Landstraße und Anlagen des Kraftwerks tangiert werden könnten“. Uniper habe sich deshalb für einen konventionellen Rückbau inklusive „Abknabbern“ des Schornsteins entschieden, erklärt Anton. Der Rückbau des Schornsteins sei jetzt notwendig, „um weiteren Platz zu schaffen und Instandhaltungskosten zu vermeiden“.
Weil der aufwendige Rückbau nicht zum Kerngeschäft von Uniper gehört, setzt der Konzern auf professionelle Unterstützung von einem Schornstein-Statiker. Was für Außenstehende spektakulär wirkt, ist für Jörg Mende, Geschäftsführer der beauftragten Firma Mende Schornsteinbau, „tägliches Geschäft“, wie er in der aktuellen Folge des hauseigenen Uniper-Podcasts verrät. In den vergangenen 37 Jahren habe er nach seiner eigenen Aufstellung bereits „548 Schornsteine abgebrochen“. Der Rückbau in schwindelerregender Höhe sei „eigentlich ganz einfach.“ Im Inneren des Schornsteins werde ein sogenannter Spinnen-Bagger hochgezogen, „der den Schornstein von oben nach unten runterbeißt“. Das schwere Gerät sitzt oben auf dem Turm, nimmt den Beton Meter für Meter herunter und wirft ihn innen ab, so werde sichergestellt, „dass außen nichts herunterfallen kann“.
Großkrotzenburgs Landmarke soll bald Geschichte sein
Der „Spinnen-Bagger“ hat einen konventionellen hydraulischen Bagger – jedoch ohne normales Fahrwerk, „sondern mit sechs Füßen, wie eine Spinne“. Die Füße sitzen oben auf dem Betonring des Kamins. Bedient wird der Bagger mit einer Funkfernbedienung vom Boden aus, „zusätzlich passen drei Mitarbeiter auf dem Gerüst auf, dass außen nichts runterfällt“. Ein weiterer Sicherheitsposten am Boden achte darauf, „dass niemand in den Gefahrenbereich läuft“, erklärt Mende. Der Sicherheitskoordinator Rocco Nowotnik kümmert sich zusätzlich für Uniper um die Sicherheit während des Rückbaus. Er definiert den benötigten Sicherheitsbereich und achtet dabei auch auf sogenannte „Prallflächen oder sensible Anlagen“, die besonders geschützt werden müssen. „Das alles muss im Vorfeld einer solchen Maßnahme neu bewertet werden.“ Weitere potentielle Gefahren auf dem Gelände seien „spannungsführende Leitungen oder Rauchgase“, die von benachbarten Schornsteinen herüberwehen könnten. Wenn alles gut laufe, könnten die Rückbau-Experten „zirka zwei Meter pro Tag abbrechen“, so Mende. Er sei sich sicher, dass das Bauvorhaben Ende dieses Jahres abgeschlossen werden könne. Uniper wolle den Standort kontinuierlich „in eine neue Welt transformieren“, erklärt Anton. Ein Rechenzentrum sowie „innovative, CO2-neutrale Energieerzeugungsanlagen“ könnten auf dem Gelände entstehen und betrieben werden. Dafür müsse Uniper den Standort zunächst „entflechten und die benötigten Flächen für neue Projekte herrichten“. Die miteinander verbundenen Anlagenteile müssen nach und nach aufgelöst werden. (Per Bergmann)
