Barmer Arzneimittel-Report
Kasse warnt: Schmerzmittel mitunter lebensbedrohlich – „Gefahr für Herz und Darm“
VonDorita Plangeschließen
Von wegen harmlos. Auch rezeptfreie Schmerzmittel können fatale Schäden anrichten – vor allem dann, wenn sie in Kombination mit anderen Medikamenten eingenommen werden.
Davor warnt die Krankenkasse Barmer in ihrem Arzneimittelreport. Dieser untersucht die medikamentöse Schmerztherapie von ambulant behandelten Barmer-Versicherten ab 18 Jahren ohne Tumorerkrankung. Demnach erhielten hochgerechnet rund 17,1 Millionen gesetzlich Versicherte im Jahr 2021 eine medikamentöse Schmerztherapie.
Neue Hotline berät Patienten bei der Einnahmen von Schmerzmitteln
Die Krankenkasse Barmer in Bayern betreibt ab sofort eine Hotline zum Thema Schmerz. Damit bietet die Krankenkasse all jenen Bürgern eine Anlaufstelle, die in ihrem Alltag unter Schmerzen leiden. Schließlich kann bei bestimmten Vorerkrankungen oder in Kombination mit anderen Arzneimitteln die Einnahme von Schmerzmitteln jederzeit fatale Folgen haben. Dies gilt umso mehr für die 20 Millionen Menschen in Deutschland, die fünf und mehr Medikamente gleichzeitig einnehmen.
„Schmerzen können den Alltag zur Tortur machen. Unsere neue Hotline beantwortet konkrete Fragen zu Schmerzen und ihrer Behandlung, damit keine unnötigen Risiken entstehen“, so Alfred Kindshofer, Landesgeschäftsführer der Barmer in Bayern. An der Hotline, die jeden Tag 18 Stunden lang zur Verfügung steht, beantworten Expertinnen und Experten deshalb auch Fragen zur Sicherheit der Arzneimitteltherapie, die sich vermutlich viele Patienten stellen: Welche Arznei-Kombinationen sind riskant? Kann es zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen? Ist das Schmerzmittel bei einer bestimmten Vorerkrankung überhaupt das richtige?
Die Hotline ist ab sofort geschaltet und täglich von 6 bis 24 Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 0800 84 84 111 erreichbar.
Diclofenac und Ibuprofen können Herzleistungen bei Herzschwäche weiter verschlechtern
Dabei stellte sich heraus: Rund 526.000 Versicherte bekamen trotz Herzinsuffizienz nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac verschrieben. Dabei raten medizinische Leitlinien von dieser Kombination definitiv ab, da auch ein nur kurzer Einsatz dieser Medikamente die Leistung des Herzens deutlich verschlechtern kann. Dadurch können die Zahl der Krankenhausaufenthalte und das Sterberisiko steigen.
Barmer-Chef warnt: Es gibt keine nebenwirkungsfreie Schmerztherapie
„Gerade die Kombination vermeintlich harmloser Schmerzmittel kann fatale Folgen haben. Die meist durch mehrere Ärzte verordnete Therapie ist ohne digitale Unterstützung kaum mehr überschaubar“, warnt Barmer-Chef Prof. Dr. med. Christoph Straub. Er forderte den konsequenten und verbindlichen Einsatz digitaler Helfer in der Arzneimittel-Versorgung, um den Überblick über die Gesamtmedikation und alle Neben- und Wechselwirkungen zu behalten. Das sei zwingend erforderlich, da es eine nebenwirkungsfreie Schmerzmitteltherapie bislang nicht gebe. Zudem seien Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac und Co. auch rezeptfrei erhältlich.
Fehler bei Schmerzmittel-Verordnung: Fünffach erhöhtes Risiko für Darmverschluss
Auch bei den Therapien mit starken Schmerzmitteln geschahen aus Experten-Sicht in drei von zehn Fällen schwerwiegende und vermeidbare Fehler. Davon waren bei der Opiodtherapie laut Arzneimittelreport tausende Patienten beim Einsatz von Medikamenten betroffen. „Demnach bekamen im Jahr 2021 hochgerechnet rund 2,7 Millionen gesetzlich Versicherte ohne Tumorerkrankung in Deutschland ein Opioid, also ein sehr starkes Schmerzmittel wie Morphinvarianten, verschrieben. Doch drei von zehn Betroffenen erhielten parallel dazu kein Abführmittel, wie es die medizinischen Leitlinien vorsehen. Dadurch verfünffacht sich sogar das Risiko für einen Darmverschluss. Fünf von 10.000 Patienten mit einer sogenannten Opioidtherapie müssen jedes Jahr wegen dieser Komplikation ins Krankenhaus. Dies wäre vermeidbar, wenn Abführmittel bereits vorsorglich verordnet und eingenommen würden“, sagte Studienautor Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken.
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Bei Kombi aus starken Schmerz- und Beruhigungsmitteln drohen dramatische Nebenwirkungen
Beim Einsatz von sehr starken Schmerzmitteln gebe es weitere Risiken. So sollten Opioide nicht zusammen mit Beruhigungsmitteln, sogenannten Tranquilizern, angewendet werden, weil die Gefahr schwerer Nebenwirkungen bis hin zu vermehrten Todesfällen drohe. Dennoch habe rund jeder Zehnte – also 40.100 BARMER-Versicherte – mit einer Opioidverordnung entgegen der Leitlinienempfehlungen zugleich ein Beruhigungsmittel erhalten. Hier würden Patienten vermeidbar gefährdet.
Kölner Wissenschaftler warnen: Gefahren drohen auch bei Schmerz- und Fiebermittel Metamizol
Gerade auch den Älteren drohen Gefahren durch riskante Medikamenten-Kombinationen. Den Ergebnissen des Arzneimittelreports zufolge – beruhend auf den Analysen eines interdisziplinären Wissenschaftler-Teams an der Kölner Universität – kommt es auch bei der Verordnung von Metamizol, einem Mittel gegen Schmerzen, Fieber und Koliken, immer wieder zu riskanten Konstellationen. Im Jahr 2021 wurde rund 959.000 erwachsenen BARMER-Versicherten Metamizol verschrieben. Das Medikament kann in Einzelfällen schwerste Schädigungen der blutbildenden Zellen verursachen.
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Metamizol: Besonders großes Risiko bei den über 80-Jährigen
Vervielfacht wird dieses Risiko insbesondere bei den über 80-Jährigen, wenn sie neben Metamizol auch noch ein Medikament zur Behandlung von Entzündungen und Krebs erhalten, nämlich Methotrexat. Obwohl die gleichzeitige Medikamentenvergabe zumindest für diese Altersgruppe als No-Go gilt, erhielten 1,1 Prozent – also 10.100 der mit Metamizol behandelten Barmer-Versicherten – gleichzeitig beide Präparate. 22,4 Prozent dieser Versicherten waren bereits 80 Jahre. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss: „Das Schmerzmittel Metamizol wird zu unkritisch eingesetzt.“
Barmer-Projekt gegen gefährlichen Tabletten-Mix könnte 70 000 Menschen jährlich das Leben retten
Zur Vermeidung dieser teils lebensgefährlichen Gefahren können Ärzte eine digitale Unterstützung bekommen. Die Barmer betreibt beispielsweise das Projekt AdAM, das Hausärzte bei ihrem Medikamenten-Management unterstützt und vor Risiken und Wechselwirkungen warnt. Der Datentransfer erfolgt über ein von der Barmer beauftragtes Rechenzentrum über das geschützte Portal einer Kassenärztlichen Vereinigung. Zielgruppe sind erwachsene Patienten, die mehr als sechs Monate lang mindestens fünf Medikamente nehmen. „Eine wirksame Hilfe“, meint Prof. Grandt. Wenn dieses System in die Regelversorgung komme, könne AdAM jedes Jahr bis zu 70.000 Menschen das Leben retten.
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