Der Wingert unweit von Schloss Philippsruhe erinnert an die Kesselstädter Weinbau-Tradition. Rund 300 Weinstöcke der Sorte Ruländer bzw. Grauburgunder gedeihen dort. Fotos: KÖGEL
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Der Wingert unweit von Schloss Philippsruhe erinnert an die Kesselstädter Weinbau-Tradition. Rund 300 Weinstöcke der Sorte Ruländer bzw. Grauburgunder gedeihen dort.

Rund 300 Paten halten ein Weinbau-Projekt in Hanau am Leben

Rund 300 Weinstöcke der Sorte Ruländer, auch als Grauburgunder bekannt, wachsen seit zehn Jahren auf einem Gartengrundstück zwischen Schloss Philippsruhe und Dörnigheim.

Hanau – Rund 300 Paten sorgen mit ihrem Jahresbeitrag von jeweils 50 Euro dafür, dass dieses vom Hanauer Geschichtsverein initiierte Projekt am Leben erhalten wird. Die jährliche Rendite, jeweils eine Flasche Grauburgunder, wurde nun beim Kesselstädter Wingertfest im Rahmen einer geselligen Feier am Rande der Rebpflanzungen ausgehändigt.

Dreiviertel-Liter-Flaschen waren es diesmal, versehen mit dem Etikett der Türme von Kesselstadt aus der Werkstatt der Hanauer Künstlerin Doris Schmidt Haub. Ein stilvolles Etikett, auch wenn der Inhalt laut Richtlinien und Verordnungen nicht als Wein gekennzeichnet werden darf, und die Bezeichnung der Lage ebenfalls ausgespart werden müsse, sagt Hanspeter Geibel, Mitbegründer des Kesselstädter Weinbergs und aktiver Unterstützer der Idee, den Weinbau am Rande Hanaus am Leben zu erhalten.

Vom heutigen Dörnigheim bis zum Goldenen Tor von Schloss Philippsruhe reichten einst die Weinanbaugebiete im Mittelalter in Hanau. „Bier und Apfelwein hatten die Leute nicht“, sagt Geibel. Also wurde Wein angebaut. Und der war letztlich auch so etwas wie eine Währung. Dienstleistungen wie das Säubern von Brunnen oder Gräben und vieles andere wurden seinerzeit in Wein abgegolten. Wein, der auf Hanauer Gemarkung gewachsen ist, wie Erhard Bus vom Hanauer Geschichtsverein aus Dokumenten des Marburger Staatsarchivs belegen konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Weinberge in Kesselstadt „aufgelassen“, also stillgelegt – wegen der Reblaus und den geänderten klimatischen Verhältnissen. Doch die Dokumente zur „Auflassung“ der Weinberge in Kesselstadt bezeugten eindeutig, dass hier Wein angebaut worden war.

Das war die rechtliche Voraussetzung nach den geltenden Bestimmungen dafür, dass auch später wieder Reben auf diesem Grund angepflanzt werden dürfen. Und seit 2009 wachsen nun die Ruländer auf dem Kesselstädter Wingert mit seiner sechsprozentigen Neigung. Das haben Weinbürokraten seinerzeit akribisch vermessen, wie sich Werner Kurz erinnert, Publizist und Fachmann für die Hanauer Historie.

Rund 100 Gäste bevölkerten am Sonntag den kleinen Weinberg neben der Straße zwischen Hanau und Dörnigheim. Viele holen ihre Flasche ab, viele bleiben, um in gemütlicher Runde die Zeit zu verbringen. Gerhard Koffler, Vorsitzender des Hochstädter Winzervereins, prüft derweil den Öchslegrad der Reben, die an den Stöcken hängen. Rebe einlegen ins Messgerät, Messgerät ans Auge klemmen, Ergebnis: „80 Öchsle.“ Das sei gut. Zwei Wochen werden die Trauben noch bis zur Ernte hängen, dann könnten es gut 90 Öchsle werden – „ein guter Jahrgang“, so Koffler, der mit seinem Verein die Reben aus Kesselstadt keltert, ausbaut und auf Flaschen zieht, bevor der Gauburgunder wieder zu den Erzeugern zurückkommt, um in schönen Flaschen an die Paten weitergeleitet zu werden. Nicht immer gibt es übrigens 0,75-Liter-Flaschen, auch 0,5-Liter-Flaschen wurden schon mal ausgegeben, wenn denn Klima oder Mehltau eine Ernte verhagelt haben.

Gerhard Koffler erinnert sich an die Erträge: vor den 170 Kilo im Jahr 2017 waren es 2016 gerade mal 7 Kilo wegen der Launen der Natur, denen sich auch die Freunde des Kesselstädter Weinanbaus stellen müssen. Aber sie haben noch ein ganz anderes Problem, betonte der Vorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins, Michael Sprenger, in seiner Begrüßung. Von ehemals zehn Aktiven, die den Kesselstädter Weinberg anfangs gepflegt und betreut haben, seien nur noch fünf im Einsatz. Es werden also Freiwillige gesucht, die dem Einsatz im einzigen Hanauer Weinberg etwas abgewinnen können. Sie werden „mit offenen Armen empfangen“, sagt Sprenger.

VON DIETER KÖGEL

Bier statt Wein - ein Hanauer hat sein Hobby zum Beruf gemacht und eröffnete eine Brauerei.